Der Neger in der Kolonial-Falle

Die Diskussion, ob in Kinderbüchern einige, sagen wir: despiktierliche, Begriffe – freiwillig – verändert werden sollen, Pipi Langstrumpfs “Negerkönig” also auf einmal ein “Südseekönig” ist, diese Diskussion ist durch einen Beitrag in der Zeit vor einigen Wochen ausgelöst worden. Und jetzt erreicht sie indirekt auch mich.

Am vergangenen Wochenende habe ich im Deutschlandfunk (dlf) eine Reise angetreten: Mit der Central Railway quer durch Tansania (Hier der Beitrag). Auf den Spuren der deutschen Kolonialgeschichte durch das Land, auf den Schienen, die vor über hundert Jahren die Deutschen gebaut haben. Eine Strecke, die damals auf den Pfaden des Entdeckers David Livingstones verlief und die heute immer noch eine Lebensader für viele Menschen ist, die abseits aller Straßen mitten im Busch leben. Und zack, bin ich bei der Reise in genau diese “Neger”-Debatte gestolpert und bekam heute einen Leserbrief:

Guten Tag,

ich bin regelmäßiger Hörer von DRadio. Es gab viele Sendungen, die ich mit großem Vergnügen verfolgt habe. Die Zahl der Sendungen wiederum, mit denen ich inhaltlich nicht allzu zufrieden war, war nicht allzu groß und die Kritik, die ich hatte, konnte ich mit den anderen anwesenden Hörern diskutieren.

Den Beitrag Reste deutscher Kolonialgeschichte – Mit der Central Railway durch Tansania 27.1.13 jedoch empfand ich als unsäglich. Ich gehe davon aus, dass despektierliche Darstellungen und Sprache durch einen internen, redaktionellen Kontrollprozess ausgebessert werden, um Grundprinzipien wie Respekt und Achtung vor der Menschenwürde ihren Platz zu geben, unabhängig vom Inhalt. In diesem Falle scheint dieser Kontrollprozess vollkommen versagt zu haben.

Die Darstellung deutscher Kolonialgeschichte dieses spezifischen Beitrags war unsäglich an zumindest zwei Stellen Zum einen erfährt die Erbauung der Eisenbahnlinie im Zeitalter des Imperialismus keine angemessene Würdigung, sondern ganz im Gegenteil wird suggeriert, dass die Kolonialmacht ja nicht nur Schlechtes bewirkt habe. Es ist nicht mehr viel übrig von der deutschen Wertarbeit, aber zum Glück noch soviel, dass die Menschen dort in ihrer Armut und Prekarität überleben können. Das erinnert fatal daran, dass nicht alles im Dritten Reich schlecht war, zum Beispiel die Autobahnen. Diese Darstellung verfolgt nicht nur eine Verdrängung, sondern auch eine Apologie imperialistischer Gewalt und lässt sich an mehreren Stellen ohne weiteres nachverfolgen.

Zum anderen fressen Menschen nicht, unabhängig von irgendwelchen Attributen, die ihnen zugeschrieben werden. Die Beschreibung des entmenschlichenden Fressens und Knochen über den Tisch Spuckens eines Tansaniers in dieser Bahn wiederholt den kolonialen Gestus des Herrenmenschen gegenüber dem als unkultiviert identifizierten und zu modernisierenden, kolonialisierten Subjekts.

Es mag sein, dass der Beitrag weniger Aufklärung der Kolonialgeschichte denn Reisebericht sein sollte. Aber selbst als Reisebericht kann ich nicht viel mehr als diese Dinge heraus lesen Verdrängung, Apologie, Erneuerung der Gewaltherrschaft. Der Umgang deutscher Medien mit deutscher Kolonialgeschichte weist diese Merkmale immer wieder auf – wie im übrigen im Streit um die Rückgabe der Schädel zum Beispiel ebenfalls. Jedoch, was verdrängt wird, kehrt in anderer Form wieder, wie in diesem Beitrag, der nicht nur das Unverständnis für die Kolonialgeschichte des Autoren dieses Beitrags sondern aller in der Redaktion Involvierten klar aufzeigt.

Um die Stoßrichtung meiner Kritik etwas klarer werden zu lassen, hier ein Zitat aus einem Artikel zur Überlebenden von Auschwitz Suzanne Lagrange A young German student stood up to apologize. Lagrange told him to sit down. “There is no intergenerational guilt.” she said. When he sat down, she then rebuked him, saying, “Now apologize! Not for the crimes of your parents, but for the attacks on migrant hostels and the desecration of Jewish cemeteries in Germany today.. There is no intergenerational guilt, but you bear the burden of intergenerational shame and responsibility to act today.” The audience was hushed.

Bitte nehmen Sie die Darstellung der Vergangenheit als Aufgabe für die Gegenwart und Zukunft wahr. Bitte werden Sie dieser Verantwortung gerecht. Und bitte besorgen Sie sich in Zukunft einen Sachverständigen für Kolonialgeschichte und postkoloniale Theorie bevor Sie sich an dieses Thema wieder heranwagen.

Mit freundlichen Grüßen

(…)

Nun, die Szenen, auf die sich die Kritik bezieht sind einfach umrissen: An einer Stelle “frisst” mein Gegenüber sein Hähnchen im Speisewagen, spukt die Stückchen quer über den Tisch (und auf mich und meinen Teller). Eine Szenenbeschreibung – war meine Intention. Und jetzt kommen wir zum Kern: Ist das schon versteckter, alter Kolonialgeist, überaltertes Denken, kein Verständnis, kein Einfühlungsvermögen für die tansanische Kultur? Auch jeden anderen Reisenden hätte ich so beschrieben. Ich stelle mir tatsächlich die Frage, ob man in solchen Bereichen sensibler vorgehen und beschreiben muss, um niemanden zu verletzen oder despektierlich zu beschreiben. Die Gedanken, die der Kritiker hatte habe ich mir tatsächlich gar nicht gemacht, sondern einfach die Situation im Jetzt und Hier beschrieben. Es ist ja nicht so, dass ich mir mein Gesicht schwarz gemalt habe (s. Denis Scheck in Druckfrisch), um ja nicht aufzufallen in diesem Zug, als einziger Weißer, der ich zweifellos war. Wie in “alter Kolonialzeit” war ich schließlich am Zielbahnhof auch der einzige Reisende der von allen Seiten bedrängt und um Geld angebettelt wurde.

Keinesfalls sollte der Beitrag jedoch so gemeint sein: Ahhh, die gute alte deutsche Eisenbahn, die ist auch jetzt noch eine Lebensader für die Tansanier, weil die es alleine nicht hinbekommen (was von politischer Seite tatsächlich aber so ist, denn in den Jahren als die Bahn von Tansania selbst und auch von einer chinesischen Firma unterhalten wurde, ist sie absolut kaputt gegangen). – Und bitte nicht falsch verstehen: Es ist kein Aufruf à la: Das wird man doch wohl noch sagen dürfen. Dies ist einfach eine Anregung dazu, die Dinge aus der jetzigen Perspektive, der Perspektive des Reisenden zu sehen. Schließlich bin ich die Strecke gereist und nicht Kaiser Wilhelm, denn dem ist der 1. Weltkrieg dazwischen gekommen. Ich glaube ganz ernsthaft, dass eine Reisegeschichte über die Lebensumstände der heutigen Menschen in Tansania auf einen wissenschaftlichen Abriss postkolonialer Theorien verzichten kann, oder nicht?


Sansibar: Paradies mit Schönheitsfehlern

Meine Abrechnung mit Sansibar. Traumhafte Unterwasserwelten, für die ich kaum Zeit hatte. Karibische Sonne, die ich für ein paar Tage nur vom Krankenbett aus gesehen habe. Aber… irgendwie war es doch schön. Hoffe, das findet ihr auch. Hier meine Sendung aus der Reihe “Zwischen Hamburg und Haiti” auf NDR Info:

Die weiten, weißen Strände Sansibars sind paradiesisch. Die kleine Insel im Indischen Ozean war der zentrale Umschlagplatz Afrikas für den Handel mit der arabischen Welt. Wo früher Tausende Sklaven in Höhlen auf den Transport in den Orient warteten, wo die Nelkenplantagen Sansibar zur Gewürzinsel werden ließen, sitzen heute vor allem Touristen und genießen unter Palmen ihre Cocktails zum Sonnenuntergang. Sie lassen sich in den verwinkelten Gassen der Altstadt Stone Town vom Charme Sansibars bezaubern, dem Mix aus arabischer Architektur, indischer Kunst und afrikanischer Lebenskultur.

Doch wie die Muschelkalk-Wände der alten Häuser bekommt auch das Bild des Paradieses mehr und mehr Risse. Die traditionelle Taarab-Musik wird nur noch von wenigen Insulanern gespielt, viel beliebter sind Reggae und afrikanischer Hip-Hop. Es fehlt an Jobs für junge Menschen, Politiker streiten über eine neue Verfassung und fordern die Abspaltung von Tansania, zu dem Sansibar seit gut 50 Jahren gehört. Und während evangelikale Christen versuchen, unter der fast vollständig muslimischen Bevölkerung neue Anhänger zu missionieren, werden mehr und mehr Kirchen angezündet.

Simon Kremer hat hinter die touristische Fassade geblickt, evangelikale Exorzisten besucht; er war mit muslimischen Schülern tauchen und hat gelernt, dass der Koran Umweltschutz einfordert. Und er saß während eines Interviews über die neue Verfassung plötzlich im Dunkeln, weil wieder einmal der Strom in Sansibar-Stadt abgestellt wurde.

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Und hier der Link zum Beitrag auf NDR Info mit vielen, schönen Fotos, die der geneigte Leser vermutlich teilweise schon kennt.

Goldene Träume im Roten Sand

So, Teil I der Geschichte über die Goldminen in Tansania ist erschienen und zwar im Magazin “kompakt” der IGBCE, der Bergbau- und Chemie-Gewerkschaft. Die Reportage geht zurück auf eine Recherche von Lukas Augustin, ohne den es diese Veröffentlichung nicht gegeben hatte. Lukas ist vor einiger Zeit in Tansania unterwegs gewesen und war in Geita unterwegs, wo die größte Goldmine des Landes ist, gelegen an einer staubigen Ausfallstraße in Richtung Ruanda. Die Stadt, früher ein kleines Nest, ist mittlerweile auf zehntausende Einwohenr angeschwollen, seit es eine riesige Goldmine gibt. Doch nur Politiker und internationale Firmen profitieren von dem Goldrausch (Tansania ist immerhin der drittgrößte Goldproduzent Afrikas), so meinen es zumindest die Menschen dort. Und deswegen nehmen Sie das Recht selbst in ihre Hand und versuchen auch, vom Goldrausch zu profitieren.

Ein schwieriges Thema, auf das Lukas mich gestoßen hatte. Er hatte wunderbare Fotos und Videos vor Ort gedreht, aber für ihn war es schwer in kurzer Zeit mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, zugleich die Sicht der Minenbetreiber darzustellen und das Problem aufzudröseln. Während meiner zwei Monate in Tansania habe ich auch miterlebt warum: 1.) Will mit Journalisten niemand etwas zu tun haben, und falls doch, dann nur gegen bares und 2.) haben die Minenbetreiber natürlich kein Interesse daran, Journalisten in die Minen zu lassen, um kritisch über sie zu berichten. Mehrere Reisen in die Region und die Hilfe einiger Menschen, die sich wirklich interessieren, haben schließlich – in den letzten Tagen meines Aufenthaltes – dann doch noch dazu geführt, dass wir die Reportage realisieren konnten. In den kommenden Tagen wird es auch noch das zugehörige Video auf der igbce-Seite geben. Mehr dann hier.

Der Text:

Goldene Träume im roten Sand

Mit einem einfachen Slogan hat die tansanische Regierung vor zehn Jahren um internationale Investoren für den Bergbau geworben: Eine goldene Zukunft! Doch nur Wenige proftieren von dem Boom.

Der rote Sandstaub legt sich über das Tal. Er kommt die hohen Bergrücken hinunter und bedeckt die Kleidung, die Sträucher und das Vieh. Er folgt dem tiefen Grollen, das das Tal erfüllt, wenn sie in der Goldmine den Berg abtragen und das Gestein sprengen. Wenn sich Lärm und Staub gelegt haben, könnte man das kleine Örtchen Nyakabale fast idyllisch nennen: Ein paar rote Lehmhütten mitten im Nirgendwo.

Nyambofo Mwita schlittert, gestützt von ihren zwei Enkeln, den Trampelpfad hinunter zur Wasserquelle. Sie sieht gebrechlich aus und sehr alt mit der riesigen Zahnlücke vorn im Mund. Ihr ganzes Leben hat sie in Nyakabale verbracht und sie erzählt jedem die Geschichten, wie es war, als Anglo Gold Ashanti, das multinationale Bergbaukonsortium, nach Tansania kam. Als erst die Ziegen krank wurden und starben und dann auch die Menschen über Probleme klagten. „Wir haben hier oft Durchfall oder Magenprobleme“, klagt sie. Aber die Dorfbewohner verlassen sich auf die Quelle. Das nächste Wasserloch ist mehr als fünf Kilometer entfernt. Ein Auto hat hier niemand. Nur Ziegen oder Rinder oder einen subsistenzwirtschaftlichen Garten.

Vor einiger Zeit nahmen Wissenschaftler der Universitäten Dar es Salaam und der UMB in Norwegen Proben in der Nähe der Minen und stellten Giftstoffe im Boden und Wasser fest: Aluminium, Arsen, Quecksilber in hoher Konzentration. Das Wasser aus dem Staudamm mit den Abwässern der Mine sickert ab und an den Berg hinunter.

„Wieso dürfen wir nicht auch von dem Gold profitieren?“, fragt Choma Salaunga. Der junge Mann ist der Dorfvorsteher von Nyakabale. Er zeigt auf den Hang, an dem sich kleine Grüppchen von Dorfbewohnern ihren Weg durch das Unterholz bahnen. Sie tragen Säcke auf dem Rücken und haben Spitzhacken darüber gebunden. Jeden Tag dringen sie in die Minen ein und stehlen dort Gesteinsbrocken. Salaungas Finger wandert ein paar Zentimeter weiter: Zwischen dem Grün des Hanges kann man, außerhalb des gesperrten Minengebietes, immer wieder bunte Farbtupfer sehen. Planen, die über die Eingänge von Schächten gespannt sind. „Wir graben hier auch selbst nach Gold. Wir waren schon hier bevor die großen Konzerne kamen“, sagt der Dorfvorsteher.

Rund 170.000 sogenannte „Small Scale Miner“ gibt es im gesamten Land. In der Mine arbeiten rund 8.000 Menschen. Doch eine Studie der Weltbank geht davon aus, dass noch Ende der 1990er Jahre zwischen 500.000 und 1,5 Millionen Menschen eigenständig nach den Rohstoffen gegraben haben. Bis die großen Konzerne wie Anglo Gold Ashanti riesige Gebiete aufkauften. Allein die Geita Goldmine, eine Stunde vom Viktoria-See entfernt, erstreckt sich über fast 40 Kilometer Länge. Ein riesiges Gebiet ohne Zäune.

Für die Dorfbewohner ist es daher leichter, einfach in die Mine zu gehen und die Abraumsteine zu stehlen, als selbst den Boden in den Small Scale Mines mit bloßen Händen und selbstgebastelten Spitzhacken abzutragen.

Hunderte Dorfbewohner treiben sich zeitweise in der Geita Goldmine herum. Gary Davies, der Manager der Mine, kann sie auf den zahllosen Bildschirmen in seinem Büro sehen, die das Gebiet überwachen. Seit sie in einer anderen, rund 200 km entfernten Mine, eine Mauer zum Schutz hochgezogen haben, drängen immer mehr Menschen nach Geita und versuchen hier ihr Glück. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Einwohnerzahl von knapp 10.000 auf mehr als 150.000 Menschen erhöht. Im Sommer erreichte die Eskalation ihren Höhepunkt als mehrere tausend Menschen in die Minen eindrangen. Bei Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Dorfbewohnern sind in der letzten Zeit dutzende Menschen getötet und zahlreiche verletzt worden. Die Mine forderte die Hilfe der Regierung an, die zusätzliche Sicherheitskräfte schickte. Jetzt wollen Firmen, Regierung, Gewerkschaften und Dorfbewohner gemeinsam nach Lösungen suchen, um die Small Scale Mines profitabler zu machen.

„Es gibt aber Leute hier in der Gegend, die davon profitieren, dass die Dorfbewohner einerseits selbst nach Gold suchen, andererseits aber auch bei uns die Steine stehlen“, sagt Minen-Leiter Davies. Er druckst herum, will die lokalen Politiker nicht direkt ansprechen, schließlich profitiert auch seine Mine von ihnen. Die Bergbaukonzerne zahlen nur rund 3 Prozent Steuern in Tansania. „Aber es gibt gewisse Kräfte hier, die die Probleme auch forcieren.“ Die zum Beispiel die Mühlen zum mahlen des Gesteins finanzieren, die den ganzen Tag über in den Dörfern rotieren. Kräfte, die das Quecksilber beschaffen, das stellenweise von den ungelernten Dorfbewohnern selbst in die Flüsse gewaschen wird, wenn sie damit versuchen, das Gold aus dem Gestein zu binden.

Korrupte Politiker, multinationale Firmen, die das ausnutzen und Dorfbewohner, die vor Gewalt nicht zurückschrecken und um jeden Preis auch profitieren wollen – für Oppositionspolitiker Tundu Lissu eine gefährliche Mischung, die sich in der Nähe des Viktoria-Sees zusammenballt. „Solange die Politik weiter profitiert wird sich nichts ändern.“ Gegen eine kleine Aufwandentschädigung in die eigene Tasche würden die Steuern niedrig gehalten. Mehr als 265 Millionen Dollar Steuerverlust habe Tansania in den vergangenen Jahren dadurch gemacht, urteilt eine Studie des Christian Council of Tanzania.

Summen, die in Nyakabale, dem kleinen Dorf im Tal unterhalb der Mine, nichts bedeuten. Für die Bewohner ist es schon ein Erfolg, wenn sie ein paar Gramm Gold aus dem rotem Gestein gewinnen. Da ist es ihnen auch egal, ob sie es selbst ausgegraben oder gestohlen haben.

Hintergrundinfo:

Tansania ist der drittgrößte Goldproduzent Afrikas. Schon unter deutscher und britischer Kolonialherrschaft wurde hier Ende des 19. Jahrhunderts Gold geschürft. In den Jahren 1997 bis 2005 hat das Land Gold im Wert von rund 2,5 Milliarden Dollar exportiert. Dennoch zählt es zu den zehn ärmsten Ländern Erde. Der monatliche Durchschnittslohn beträgt rund 50 US Dollar.

Eine Studie des Christian Council of Tanzania benannte im vergangenen Jahr drei Probleme:

  • Zu geringe Steuern
  • Geringe (Umwelt-)Auflagen durch Korruption
  • Bewohner in der Nähe profitieren nicht vom Gold

Arbeiten im “Urlaub”

Wenn immer man als Reporter im Ausland mit Freunden oder Kollegen in der Heimat spricht, dann schwingt da dieser unterschwellige Ton mit, nach dem Motto “klar, Du hast es gut. Sitzt bei 30 Grad am Strand, überlegst Dir da deine Beiträge, recherchierst zwischendurch mal auf Sansibar – während wir hier im kalten Deutschland hocken.” Und auf der einen Seite haben sie natürlich Recht, es ist total spannend durch neue Gegenden zu reisen und darüber zu berichten – aber was dahinter steckt wird häufig in den Beiträgen nicht mittransportiert. Aber dafür ist ja dieser Blog da, einen kleinen Blick hinter die Kulissen zu geben. Wohlwissend, dass die Bedingungen für echte Auslandskorrespondenten noch einmal ganz anders sind und meine kleine Reise ein absolutes Privileg ist.

Was nicht mitgesendet wird im deutschen Radio sind die unzähligen Moskitostiche, die Strapazen bei tagelangen Reisen über Land über schlechte Straßen, die nicht einmal die Bezeichnung “Piste” verdient hätten. Das Ausharren und Warten auf Gesprächspartner, das kaum genießbare Essen an den Enden der Welt (die es in Tansania zu hauf gibt), das Hängen an der Infusion, wenn man sich wegen des Hungers doch überwindet das Essen runterzuwürgen…

Die schwierigen Recherchen hatte ich glaube ich früher kurz angedeutet. Die tansanische Medienlandschaft ist zwar relativ frei und auch frei von Zensur, soweit ich das einschätzen kann. Zumindest wird in die Redaktionen nicht hineingefunkt, den Journalisten nicht in ihre Artikel gepfuscht. Die Schere wird jedoch viel früher angesetzt, nämlich schon bei der Recherche. Interviewpartner zu bekommen ist unglaublich schwierig. Aus dem Orient war ich es gewohnt, dass man zwei, drei, vier Tees mit wichtigen Personen trinkt und dann sein Interview bekommt. Hier in Tansania wird a.) eigentlich nie Tee angeboten und b.) selbst wenn bekommt man häufig kein Interview. Weder von “normalen” Menschen auf der Straße, noch von offiziellen. Von denen schon gar nicht. Spaßeshalber habe ich für eine Recherche offiziell beim zuständigen Ministerium angefragt – mit Unterstützung eines Mitarbeiters aus dem Büro des Vize-Präsidenten, der mich freundlicherweise in die Bürokratie begleitet hatte. Seit mehr als vier Wochen tut sich da gar nichts und wird es auf absehbare Zeit auch nicht. Meinen Abreisetermin, den haben sie sich im Ministerium aber schön auf einem Zettelchen notiert, bis dahin müssen sie mich also noch hinhalten.

Das System muss also umgangen werden: Durch persönliche Kontakte, Empfehlungen – und natürlich durch Geld. Fast jeder will eine Gegenleistung für ein paar Informationen haben. Mal 5 Dollar, mal 50. Kommt auf die Information an. Manchmal bringt es, den Leuten zu erklären, warum man das macht, manchmal kann man sie auf eine Einladung zum Essen runterhandeln. In den meisten Fällen zieht man unverrichteter Dinge wieder ab.

Gerade habe ich meinen nächsten Beitrag fertig produziert. Es geht um “Öko Islam”, die Interviews dazu, die Reportageelemente, alles klappte bei den Recherchen wunderbar. Wäre da dann nicht noch die Produktion:

Irgendwie versuche ich, den Lärm außen vor zu halten. Die Krähen, den Verkehr, die lauten Menschen, den Muezzin. Das Einsprechen der Texte dauert häufig Stunden, immer wieder muss ich neu ansetzen, weil wieder wer dazwischen funkt. Strand sieht anders aus. Ist aber natürlich auch wunderbar. Schließlich ist die Arbeit hier schon ein Privileg.

Hilda

Von Hilda hatte ich erzählt, oder? Sie war die nette und aufopferungsvolle Mit-50erin von der tansanischen Fluggesellschaft, die sich voller Inbrunst um die Wiederbeschaffung meines gestohlenen Equipments gekümmert hat. Genug Ironie. Ich dachte, ich höre nie wieder von ihr. Falsch, SMS bekommen: “HELOOO SIMON! HOW ARE YOU? AM STILL ASKING THE PEOPLE OF MWANZA ABOUT STOLEN AUDIO CAMERA. (Was auch immer das ist, Anm.) OK FRIEND! AM AT HOM, AM SLEEPING’ YOU ARE WELCOME

Wenigstens ist sie bislang tatsächlich die erste Tansanierin, die sich von sich aus gemeldet hat, um über eine neue Entwicklung gleich welcher Art zu informieren. Die anderen kündigen das meist einfach nur an. Ist doch scho nmal ein Fortschritt.