Recherchen organisieren: Die Masterfile

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Journalisten sind Informationsorganisatoren und -vernichter: Wenn eine Geschichte recherchiert ist wandern viele Informationen – gerade bei tagesaktuell arbeitenden Journalisten – häufig in den Papierkorb.  Dabei gibt es gute Gründe, seine Recherchen zu strukturieren und zu archivieren: Weil man später wieder wieder an einem Thema arbeiten muss; weil man schauen will, was aus einem Thema geworden ist und ob sich vielleicht ein Jahr später etwas verändert hat; weil sich ein Thema entwickelt; weil man bei langfristigen und / oder investigativen Recherchen einfach einen langen Atem braucht und vielleicht auch mal nur kurz “zwischendurch” an einer Geschichte weiterrecherchieren kann. Das gilt für investigative Reporter genauso wie für tagesaktuelle Lokalreporter.

Gute zwei Jahre durfte ich im Recherchepool des NDR in Kiel ziemlich abseits jeden Zeitdrucks arbeiten. Häufig habe ich 6 – 8 Recherchen parallel vorangetrieben, eben weil man manchmal Gesprächspartner nicht erreicht und man ein Thema schieben muss oder nicht weiterkommt oder weil ein anderes Thema sich plötzlich aktuell ergeben hat. Da war es wichtig, seine Recherchen zu strukturieren, um schnell wieder ins Thema zu kommen und immer den Überblick zu bewahren. Und auch, um Rechercheergebnisse zu sichern.

Bei einer Konferenz in Brüssel – der European Investigative Journalism Conference – bin ich in einem Workshop der beiden Recherchegrößen Luuk Sengers und Mark Lee Hunter gelandet und habe dort mehr über ihren Rechercheansatz des “Story Based Inquiry” gelernt, der – kurz gesagt – davon ausgeht, dass man zu Beginn einer Recherche eine Hypothese aufstellt und diese im Laufe der Recherche falsifiziert oder verifziert. Im Laufe des Workshops ist Mark Lee Hunter dann von einem Teilnehmer gefragt worden, wie er denn seine ganzen Materialien organisiere. Die Antwort war: In einer einfachen Word-Datei. Oben schreibe er seine Hypothese hin und dann schreibe er alle Rechercheergebnisse untereinander.

Von anderen Kollegen habe ich gehört, dass sie spezielle Schreibprogramme nutzen, die sich eigentlich an Schriftsteller richten und die ihre langfristigen Recherchen wie Bücher mit verschiedenen Szenen und Kapiteln planen. (u.a. nutzen sie entweder Papyrus oder Scrivener). Ich muss gestehen, dass ich mir die Programme nie intensiv angeschaut habe, weil sie größtenteils kostenpflichtig sind und ich ein Programm haben möchte, dass ich a.) kenne und b.) auf allen Plattformen und Rechnern dabei habe und auch überall (auch evtl. auf fremden Rechnern) auf meine Texte zugreifen möchte. Außerdem fand ich die Idee, alle Recherchen in einem Dokument zu vereinen, gar nicht so uncharmant. Früher habe ich bspw. für jedes geführte Interview ein eigenes Dokument gehabt, der Nachteil ist dabei, dass – wenn ich nicht mehr weiß, wer genau mir eine Information gegeben hat – ich sie nicht global in allen Dokumenten suchen kann.

Also habe ich angelehnt an den Workshop bei der EIJC eine entsprechende Word-Datei als Vorlage erstellt, die ich seit längerer Zeit für meine Recherchen nutze. Und damit meine ich so ziemlich für alle Recherchen, die mehr als drei Anrufe erfordern.

Bevor ich die einzelnen Segmente der Datei erkläre, möchte ich gerne noch drei Literaturhinweise loswerden: 1.) Storybased Inquiry habe ich bereits angesprochen. 2.) Das “Logan Handbook #1: The Hidden Scenario”, in dem Hunter und Sengers darüber sprechen, wie wichtig schon bei der Recherche der Gedanke in “Szenen” ist. Und 3.) Das “Logan Handbook #4: The Story Tells the Facts”, in dem es um die Herausarbeitung von Hypothesen und roten Fäden geht.

Jetzt aber zur “Masterfile Recherche”, die man hier herunterladen kann!

Damit man auch bei langfristigen Recherchen den Überblick behält, habe ich die einzelnen Segmente der Datei als “Überschriften” in Word markiert. D.h. man kann einfach – wenn man die “Navigationsansicht” aktiviert – zu den einzelnen Segmenten, bzw. Kapiteln in der Datei springen und muss sich nicht durch dutzende Seiten scrollen, wenn die Recherchen lang werden.

Es gibt folgende Kapitel:

  • Titel
  • Hypothese
  • Chronologie
  • Fakten
  • Offene Fragen
  • Szenen
  • Kontakte / Gesprächsprotokolle
  • Quellen

* An dieser Stelle möchte ich kurz darauf hinweisen, dass absolut vertrauliche Gespräche und / oder Kontakte natürlich nicht in so einer Datei lagern sollten. Aber die Datensicherheit und der Quellenschutz sind andere Themen.

Titel: Ist glaube ich eindeutig und braucht keine weiteren Erklärungen,

Hypothese: Weniger für nachrichtliche Themen, sondern wirklich eher für langfristige Erzähl- und / oder Investigativgeschichten. Die H. verändert sich im Verlauf der Recherche natürlich und wird dem aktuellen Sachstand angepasst. Sie hilft gerade bei komplexen Themen den Überblick zu behalten. Nach jeder neuen Informationen, jedem Dokument, jedem Gesprächspartner gehört die H. auf den Prüfstand gestellt. Wenn man später seine Geschichte schreibt (oder für’s Radio / Fernsehen / sonst ein Medium produziert) hilft die H. dabei, aus dem Wust von Informationen den Kern seiner Geschichte zu finden und sich darauf zu konzentrieren und nicht noch 30+x Nebenschauplätze aufzumachen.

Chronologie: Das Eintragen in die Tabelle hilft dabei, bei komplexen Sachverhalten genau zu wissen, was wann passiert ist. Wenn Interviewpartner erzählen geht es meist ja immer um Handlungen, die in der Vergangenheit lagen. Durch die C. behält man den Überblick und sieht so auch relativ schnell, wo Informationen fehlen, wo noch etwas unklar ist und wie genau sich ein Ereignis (stellenweise gibt es Ereignisse, die sich ja über Jahre ziehen, wie etwa Prozesse) abgespielt hat.

Fakten: Die wichtigsten Fakten trage ich hier noch einmal gesondert ein (auch wenn sie später noch einmal in Gesprächsprotokollen oder Dokumenten auftauchen). Dabei geht es darum, dass man sich einfach einen schnellen Überblick über die wichtigsten Fakten macht. Wer hat z.B. einen Vertrag unterschrieben? Wer hat den Verkauf getätigt? Welche Miliz kämpft gegen welche Miliz in Aleppo? Wer sind die Anführer? etc. Jeder Fakt ist mit einer Quelle (Q##) belegt. Jede Quelle wird am Ende eingetragen (s.u.) Ist ein Fakt später unklar, kann man so schnell sehen, woher die Info stammt und im Zweifelsfall noch einmal nachrecherchieren und kontrollieren. Außerdem kann man so auch zügig sein Dokument durchsuchen, um z.B. alle Informationen zu finden, die von Q## sind.

Offene Fragen: Der Fragenkatalog, gegliedert nach Themenbereichen und / oder Gesprächspartnern. Die Fragen können im Laufe der Recherche herausgelöscht werden, wenn sie beantwortet sind. So weiß man immer, was noch fehlt und was nicht und kann z.B. übersichtlich alle Fragen an Experten (“Wie funktioniert eigentlich so eine Maschine?”) untereinander schreiben.

Szenen: Allein dieses Kapitel bräuchte ein wenig mehr Erklärungsbedarf. In aller Kürze kann man so aber bei komplexen und auch bei Erzählgeschichten schon im Rechercheprozess überlegen, wie eine Geschichte am Ende laufen könnte. Gerade als ich noch für das Radio gearbeitet habe, habe ich viel in Szenen und Themenblöcken gearbeitet. Schon bei der Recherche überlege ich mir, welche Szenen ich eigentlich habe und ordne Informationen, Dokumente, Interviewpassagen schon den einzelnen Szenen zu. Das führt dazu, dass ich später beim Schreiben, v.a. wenn es schnell gehen muss, im Handumdrehen Szenenblöcke parat habe, die ich je nach Dramaturgie aneinander schiebe. Damit wird man in der Regel keinen Nannen-Preis gewinnen, aber häufig muss im Tagesgeschäft ja schnell gehen. Und wer noch Zeit hat zu feilen und sich eine komplexe Dramaturgie zu überlegen, dem werden vorher strukturierte Szenen sicherlich auch helfen. An einem Beispiel gesprochen kann man sich bei einer Geschichte über einen Mordprozess etwa vorstellen, dass es beispielsweise die Szene “Tat” gibt, dann noch das “Vorleben des Täters”, das “Vorleben des Opfers”, die Beziehung der Beiden, wie etwa “das erste Treffen”, etc.

Kontakte / Gesprächsprotokolle: Hier sammele ich im zunächst mal alle Gesprächspartner mit Kontaktdaten, die für eine Recherche wichtig sein könnten. Experten, die sich mit dem Thema auskennen, Anwälte, für die Geschichte wichtige Freunde / Bekannte von Hauptpersonen, uvm. So behalte ich auch den Überblick, wen ich schon gesprochen habe oder wen ich noch sprechen muss. Anschließend kann man bei den Gesprächen, sei es telefonisch oder live, seine Notizen direkt in die Datei einfügen (mit Datum und Uhrzeit jeweils, weil man manche Gesprächspartner ja auch häufiger spricht). Wichtige Informationen können dann anschließend entweder in die “Szenen” oder in die “Fakten” oder die “Chronologie” kommen. Die Gesprächsnotizen bleiben aber am Ende des Dokuments bestehen, dass man die Informationen nicht verliert, falls man später noch einmal Nachfragen hat, etwas nachrecherchieren muss oder man die Recherchen später mit einem anderen Dreh wieder aufnimmt.

Quellen: Jede Quelle ist einmalig. Jeder Gesprächspartner, jedes Dokument, jede Kopie, jedes Buch, jeder Link wird hier aufgeführt (Q##). Das schützt einen Journalisten einmal davor, dass er später nicht weiß, woher eine Information ist, zum anderen ist er später auch nicht angreifbar, wenn seine Recherchen in der Kritik stehen. Außerdem macht es das bei wirklich langfristigen Recherchen auch für den abnehmenden Redakteur einfacher, wenn er Fragen hat, woher eine Information stammt. Erneut: Bei heiklen Quellen, die einen gewissen Schutz bedürfen, kann man an dieser Stelle auch einfach ein “Anonym XYZ” einfügen, solange man sich selbst über die Identität der Quelle im Klaren ist.

Fußnoten: In den Fußnoten habe ich – abgekupfert von Mark Lee Hunter – noch drei Suchbefehle eingefügt. Wann immer man gerade beim ordnen der Rechercheergebnisse ist, kann man diese Befehle als Anmerkungen einfügen:

  • NOTX – Sind Anmerkungen / Notizen / Gedanken zu bestimmten Sachverhalten (z.B.: “Das ist extrem seltsam, weil Q03 gesagt hat, dass es so ist”). Dadurch vermischt man nicht Rechercheergebnisse mit eigenen Gedanken
  • QTN – Kleine offene Fragen zu bestimmten Sachverhalten (z.B. “Kann das wirklich stimmen? Wie war das Wetter in der Mordnacht?”)
  • DOX – Eine kleine Todo-Liste zu bestimmten Informationen (z.B.: “Info gegenchecken bei Q03).

Die Buchstabenkombinationen kommen so eigentlich in keinem normalen Wort vor. Mit der Suchfunktion von Word lassen sich also schnell alle Notizen, offenen Fragen und vor allem ToDo’s einfach und schnell finden.

Die Datei hilft nicht bei den Recherchen, aber dabei, seine Recherchen und Gedanken zu sortieren. Und es zeigt mal wieder: Journalismus ist Handwerk.

 

 

 

Apps und Gadgets für den mobilen Reporter

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Als (multimedialer) Reporter bin ich seit mittlerweile gut neun Jahren in der Welt unterwegs. Dabei bin ich vor allem Spielkind geblieben und liebe es, neue Gadgets oder Apps auszuprobieren, die mir das Reporterleben erleichtern. Zu Beginn des Jahres 2017 möchte ich daher einen kleinen Blick auf meinen #Homescreen erlauben und ein gerne eine paar Apps und Ausrüstungsgegenstände vorstellen, die mir das Leben sehr erleichtern.

Ich habe zwar – je nach Einsatz – auch immer eine Spiegelreflexkamera (Nikon D300s) oder eine Videokamera (Canon EOS C100) oder ein vernünftiges Audioaufnahmegerät (Zoom H2n) dabei, aber für schnelle Einsätze und die alltägliche Arbeit haben sich doch ein paar Programme aus extrem hilfreich erwiesen:

evernote-logo-designEvernote

Mein digitales Büro und Gedächtnis möchte ich nicht mehr missen und habe mir auch einen kostenpflichtigen Pro-Zugang zugelegt – nicht wegen des größeren Speichers, sondern weil ich dadurch pdf-Dateien durchsuchbar machen und bearbeiten kann. In Verbindung mit dem Webclipper ist Evernote absolut unerlässlich für mich bei Büro-Organisation und Recherche. Um den Überblick zu behalten benutze ich eine recht simple Organisationsstruktur mit durchnummerierten Notizbüchern (damit ich immer sortiert den Überblick behalte:

INBOX /  PROJEKTE (für größere Projekte wie Vorlesungen, Seminare, Hochzeit) / IDEEN UND INSPIRATION (wo ich unter anderem neue Tools etc abspeichere) / RECHERCHEN (s.u.) / TO READ (tolle Texte, Reportagen, Audio- oder Multimediastücke) / KONTAKTE (mit Visitenkarten) / POST etc.

Gerade für mich als Journalisten interessant ist natürlich die Recherche-Abteilung, wo einfach auch viel abgespeichert wird, was ich kurz im Netz finde. Daher ist es wichtig, hier den Überblick zu behalten. Ich habe dieses Notizbuch daher noch einmal unterteilt: Für jedes Land, für das ich als Korrespondent evrantwortlich bin ein eigenes Notizbuch, und für eigene Themenblöche noch einmal.

Zusätzlich zur Desktopvariante nutze ich natürlich auch die App auf dem Handy, weil ich damit sowohl Notizen unterwegs schnell hinzufügen kann, wie auch Dokumente abfotografieren, die dann bei Textdokumenten direkt als pdf abgespeichert werden. Wegen der sehr, sehr guten Texterkennung sind die pdfs dann auch super durchsuchbar.

IFTTT – If This Then That

Ich stehe mittlerweile total auf Automatisierung – was vermutlich jeder Privatssphäre widerspricht, aber mit diesem netten Programm lasse ich verschiedene Apps und Geräte miteinander kommunizieren. Wenn die Wetterapp also erfährt, dass es am Morgen regnet, kann man sich eine SMS oder sonstige Nachricht schicken lassen, die einem sagt, dass man den Regenschirm einpacken soll. Es gibt mittlerweile unzählige solcher “Rezepte”, wie das bei IFTTT heißt, journalistisch nutze ich es aber z.B. dafür, dass interessante Links auf Twitter, wenn ich sie mit einem Herzchen like, in meine Leseliste (to Read) und dort gespeichert werden. Oder Termine, die ich im Kalender eintragen, werden direkt in meine To Do – Liste eingetragen.

logo_todoist_schemaToDoist

Eine klassische ToDo-Liste, für private und berufliche Aufgaben, die ich regelmäßig nutze, weil ich sie auch mit IFTTT synchronisieren kann und daher alle wichtigen Termine an einem Ort habe.

 

pocket-logoPocket

Die Pocket ist mein digitaler Zeitungs-Ablage-Stapel. Mein “Ach, das lese ich später!” Wenn ich morgens die diversen Nachrichten- und Newsapps durchgehe und später etwas lesen möchte, dann lege ich alles in die Pocket, von wo aus ich dann wirklich interessante Texte auch einfach weiterleiten kann an Evernote.

 

nuzzel-logo-1024x1024Nuzzel

Wieviel Zeit vergeudet man eigentlich damit, durch den Twitter- oder Facebook-Stream zu gehen, um auch zu gucken, welche interessanten Texte die digitalen Freunde empfehlen? Das macht Nuzzel jetzt für mich. Verbunden mit Twitter und Facebook zeigt es mir an, welches die beliebtesten, meistgeteilten oder sonstwie wichtigen Texte / Links aktuell sind. Man kann auch “Newsletter” nach Themengebieten abonnieren. Auch hier wieder: Interessante Texte landen in der Pocket oder bei Evernote.

imageshrink wetransferImageShrink & WeTransfer

Wenn ich Schnell Fotos oder Videos per Handy verschicken möchte, dann nutze ich die beiden Apps ImageShrink und WeTransfer. Erstere App verkleinert ganz einfach die Dateigröße und per WeTransfer kann ich sehr simpel auch große Datenpakete verschicken.

snapseedSnapseed

Bei der schnellen Bildbearbeitung unterwegs setze ich auf Snapseed. Die App ist sehr simpel und kostenlos und ich kann in ein paar Sekunden meine Bilder mit den wichtigsten Mitteln bearbeiten (Helligkeit, Kontrast), zuschneiden und versenden.

cogiCogi

Ganz neu auf dem Handy habe ich die “Reporterapp” Cogi, die ich bislang nur in der kostenlosen Variante benutze. Ich finde den Ansatz der App ziemlich gut, um bei Pressekonferenzen und sonstigen Terminen oder Interviews nicht zu viel Material mitzubringen, wenn es schnell gehen muss. Zu Beginn einer PK zum Beispiel sarte ich eine neue Sitzung, die App zeichnet den Ton mit auf, speichert ihn aber nicht. Erst wenn ich der Meinung bin “ah, das ist ja jetzt interessant”, sage ich das per einfach touch der App und sie speichert die Tonaufnahme bis ich “Stop” sage. Der Clou dabei: Die App springt dabei per Timeshift bis zu 45 Sekunden und speichert auch das zuvor gesagte auf. Außerdem kann ich dazu kleine Notizen schreiben und Fotos aufnehmen – und die später auch einfach teilen und darauf zurückgreifen.

dragonLogoDragon Naturally Speaking

Überhaupt: Das lästige Thema “Interviews transkribieren”. Damit beschäftige ich mich schon lange, weil ich immer auch auf der Suche war nach einem Programm, das mir automatisch Interviews transkribiert (s. Blogeintrag hier). Ich bin ein großer Fan von Materialsammlungen, weil man wichtige Interviews vielleicht ja auch später nochmal gut gebrauchen kann, oder wenn man einen anderen Aspekt des Gesprächs verwenden will. Aber wie Tonaufnahmen durchsuchen? Man muss sie transkribieren! Die perfekte autoamtische Lösung habe ich noch nicht gefunden. Daher nutze ich Dragon. Es ist ein Sprachsteuerungsprogramm, mit dem ich meinem Schreibprogramm auch Texte diktieren kann. Bei Interviews mache ich es jetzt so: Ich höre per Kopfhörer mit einem Ohr das Interview und spreche die Interviewpassagen einfach nach. Der Computer ist an meine Stimme gewöhnt und so kann ich – quasi in Echtzeit – das Interview verschriftlichen, was eine enorme Zeitersparnis ist.

TripIt_icon_flatTripit

Kommen wir zum Thema “Reisen”. Als Reporter – und gerade als Korrespondent – ist man häufig in der Welt unterwegs. Da kann man schon mal die Übersicht verlieren, wo man jetzt gerade die Wegbeschreibung zum Hotel hingepackt hat und wann der nächste Weiterflug von welchem Gate ging. Tripit hilft bei der Organisation. Jede Buchungsbestätigung aus dem Mailpostfach geht mit einem simplen Klick an die App und dort habe ich dann chronologisch aufgelistet, wann ich wo welchen Anschlusszug nehmen muss, mit Links und Wegbeschreibungen und der Möglichkeit zu eigenen Notizen. Hilft auf Reisen sehr, den Überblick zu behalten.

Darüber hinaus benutze ich auch noch spezifisch die ein oder andere weitere App (z.B. Tweetdeck für Twitter – darüber muss man aber glaube ich nicht mehr viel sagen) oder bestimmte Computerprogramme für spzeifische Probleme (wie z.B. Datenvisualisierungen, etc.), aber bei den oben genannten handelt es sich um die wirklichen Standardapps, die ich fast täglich nutze.

Hardware

Ich liebe zwar auch – je nach Einsatzfeld – mein “vernünftiges” Equipment. Wenn ich also speziell für das Fernsehen oder Radio arbeite, benutze ich natürlich meine Spiegelreflex, meine Videokamera oder mein Aufnahmegerät, aber mein Handy habe ich immer dabei. Und da die Qualität in der Regel hervorragend ist (und man gerade in brenzligen Situationen mit einem Handy kaum auffällt) habe ich normalerweise auch immer zwei, drei Zusatzgadgets dabei, um die Aufnahmequalität z.B. bei Videos zu verbessern.

Externes Mikrofon fürs Handy

mikrofonFür bessere Tonaufnahmen beim Filmen mit dem Handy nutze ich gerne das Edutige EIM-003 für gut 55 Euro. Klar, es kann mit einem Profi-Mikrofon nicht mithalten, ist aber klein und verbessert die Tonqualität des Handys schon einmal enorm. Dazu noch ein kleiner Winkeladapter, damit man bei Videoaufnahmen auch den Ton dort aufnimmt, wohin man filmt, und schon hat man eine kleine, feine Videokamera dabei.

Handliches Handstativ

shoulderpodDas Shoulderpod S1 gibt es mittlerweile schon für etwas mehr als 30 Euro und ich habe es immer dabei. Aus zwei Gründen: Einmal weil man damit beim fotografieren und filmen tatsächlich deutlich ruhiger aus der Hand filmen kann und zweitens, weil man dank der Schlaufe das Handy immer am Handgelenk hat, es dadurch weder runterfallen kann (in eine Schlucht oder einen Teich) und man es gerade an touristischen Orten oder auf Demonstrationen nicht verliert.

Kamaerafahrten wie im Kino

gimbalNicht immer dabei, aber wenn ich weiß, dass ich vernünftig filmen will, dann packe ich den Z1 Gimbal ein. Handy wird dann eingespannt, das Gerät eingeschaltet, es tariert sich schnell aus und man kann auf einmal mit Handy Schwenks, Kamerafahrten oder einfach nur ruhige Bilder drehen, denen man kaum eine Bewegung anmerkt. Das handliche Gerät tariert das leichte Zittern der Hand in alle Richtungen super aus und hält die Kamera dadurch ruhig.

 

Welche Apps und Reportergadgets nutzt ihr so? Welche Programme möchtet ihr nicht mehr missen?

 

Interviews transkribieren – einfach diktieren

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Eine Frage, die vermutlich zahlreiche Journalisten immer wieder rumtreibt: Wie transkribiere ich am einfachsten und schnellsten meine Interviews? Im Netz wird das Thema vielerorts diskutiert, weil wir Journalisten ja faul sind und am liebsten eine automatisierte Lösung hätten. Ich habe mich schon vor geraumer Zeit mal in diesem Blogpost damit beschäftigt und neben einem kleinen Programm, das beim Tippen hilft (“Listen ‘n Write”), auch die Möglichkeit aufgezeigt, wie ich Youtube per automatischer Untertitel-Erkennung die Arbeit habe machen lassen. Die erste Möglichkeit ist weiter Zeitaufwendig, die zweite extrem fehlerbehaftet, wie ich (und auch viele andere, die das ausprobiert und mir ihre Erfahrungen geschildert haben) feststellen mussten.

Was bleibt also? Eine eigene Sekretärin haben nur die wenigsten Kollegen. Es gibt eigene Dienste, die Texte transkribieren, das ist aber teuer und dauert in der Regel ein wenig. Als ich noch im NDR Recherchepool gearbeitet habe, hatten wir eine automatisierte Lösung eines großen Unternehmens in der Testphase ausprobiert, aber auch das war leider nicht zufriedenstellend.

Deswegen bin ich jetzt dazu übergegangen, Interviews zu diktieren. Und zwar meinem Computer. Ich nutze die ganz klassische Transkriptionssoftware “Dragon Dictate”. Mit einem Ohr höre ich das Interview in etwas verlangsamter Geschwindkeit ab und diktiere gleichzeitig dem Computer den Text. Auf meine Stimme ist der Rechner mittlerweile ganz gut eingestellt. Dadurch schaffe ich es fast in Echtzeit, Interviews zu transkribieren.

Falls Ihr einen schnelleren Weg gefunden habt: Sagt mir Bescheid!

Arbeitsbedingungen freier Korrespondenten

Als freier Reporter im Ausland unterwegs: Die vergangenen Jahre bin ich immer wieder als Reporter im Nahen Osten und in Ost-Afrika utnerwegs gewesen. Mal für ein paar Tage. mal für mehrere Monate. Der Journalist Tim Kukral hat jetzt eine Studie über die “Arbeitsbedingungen freier Auslandskorrespondenten” veröffentlicht, in der ich auch mit einem kurzen Vortrag zitiert wurde, den ich vor einiger Zeit in Hamburg gehalten habe:

Beschreibung

Auf eigene Faust in der Ferne: Freie Auslandskorrespondenten berichten aus Bagdad oder Brüssel für deutsche Medien. Im Vergleich zu ihren festangestellten Kollegen haben die „Freien“ eher den Blick und die Zeit für Geschichten, die abseits liegen von den starren Themenplänen der Redaktionen in der Heimat. Aber (wie) kann man davon leben? Wie sieht der Alltag der freien Korrespondenten aus? Und wie sind sie überhaupt zu diesem Beruf gekommen?

Durch eine qualitative Befragung von Mitgliedern des renommierten Journalistennetzwerks Weltreporter liefert dieser Band erstmals umfangreiche Erkenntnisse über die Arbeit der freien Auslandskorrespondenten. Auch die Zustände in den unterschiedlichen Berichtsgebieten werden behandelt. Motivation und Selbstverständnis, die Haltung zu PR und nicht zuletzt die Auswirkungen des Berufs auf das Privatleben der Befragten – die Veröffentlichung behandelt alle Fragen, die für freie Auslandskorrespondenten von Bedeutung sind.

Die Befunde stehen nicht isoliert. Durch eine Einbettung in den aktuellen Forschungsstand und vor dem Hintergrund der Medienkrise wird deutlich, was eine weitere Prekarisierung der freien Korrespondenten für die Qualität der Auslandsberichterstattung bedeuten würde: einen globalen Informationsfluss, in dem Einordnung und Hintergrund eine immer kleinere Rolle spielen.

Hörspiel am Morgen

Kurze BmE’s werden im durchgestylten Formatradio kaum noch gespielt. Deswegen bin ich ja auch ein großer Fan von #newsneu, einer “Initiative”, die mehr radiophone und reportagige Nachrichten im Radio hören will (und die auch produziert). Was macht man aber mit einem historischen Thema, wenn es keine Originaltöne gibt? Nichts reportagiges, was es zu berichten und zu beschreiben gibt?

Ein Dilemma, vor dem ich bei meiner letzten kleinen Geschichte gestanden habe. Seit längerem recherchiere ich zu einem Weltkriegspanzer, den die Staatsanwaltschaft bei einem Kunstsammler aus der Nähe von Kiel beschlagnahmt hat. Jetzt hatte ich die Möglichkeit, mit dem Mann zu sprechen, der den Panzer in den ’70ern von einem schrottreifen Wrack in seinen jetzigen Zustand versetzt hat. Aber wie das radiophon umsetzen?

Glücklicherweise haben wir bei der NDR 1 Welle Nord Redakteure, die Lust am Radiomachen haben. Und so haben wir eine Art kurzes “Hörspiel” produziert:

Mädchen und Medien

Es ist ja alles keine neue Wahrheit, dass junge Menschen vor allen Dingen mobil ins Netz gehen und keinen Bock mehr auf die klassischen Medien haben. *gääääähn* Trotzdem fand ich es spannend, mal mit jungen Menschen (17/18 Jahre) über ihren Medienkonsum zu sprechen. Das ist ja einer der Vorteile an so einem Job als Journalist. Vier Tage habe ich zwölf junge Mädchen (japp, Prof. Weischenberg hat Recht: “Der Journalismus wird weiblich!”) in einem Multimedia-/Online-Journalismus-Seminar bei der RTL-Journalistenschule betreut*.
Was ich als “Kennenlern-Spiel” getarnt hatte war in Wahrheit eine knallharte soziologische Studie. Alle sollten sich nämlich vorstellen und sagen:

– Wo geht morgens der erste Handgriff hin (nachdem man den Wecker ausgemacht hat)?
– Welche Nachrichten-/Informations-Apps oder -webseiten nutzt ihr?

Klar, das ist alles nicht sehr repräsentativ, weil es nur zwölf junge Damen waren, alle gut gebildet und engagiert, alle interessiert an Medien. Aber interessant fand ich es trotzdem, wie sie Medien nutzen.

Gut, bei mir ist es ähnlich. Morgens erstmal Handy an und gucken, was so passiert ist in der Welt. Parallel dazu läuft das Radio (auch bei jungen Menschen). Wenig verwunderlich: Fernsehen läuft kaum noch. Wenn es was interessantes gibt, dann wird überwiegend in der Mediathek geschaut oder bei Youtube.  Jetzt aber die spannende Frage: Welche Apps und Webseiten werden aufgerufen?

Ganz oben ist Social Media. Vor allem Instagram (liegt vielleicht an der “Stichprobe” und dem Geschlecht. Während Twitter ja eher so der Nachrichtenticker für Journalisten ist, ist Instagram die “Gala”. O-Ton einer Befragten: “Nachrichten les ich da nicht. Das ist alles eher so personality.”) liegt in der Gunst der jungen Befragten ganz oben. Danach dann weitere Social Media Kanäle (wie ja auch die aktuellste ARD-/ZDF-Online-Umfrage belegt hat).

Wenn es im FB-Stream oder über Twitter oder sonstwo interessante News gibt, suchen die meisten gezielt nach weiteren Infos im Netz oder bei Google News für mehr Artikel. Lang wird kaum gelesen, eher überflogen und gescannt.

Beruhigend trotzdem: Auch die “alten Medien” haben noch ihren Platz und genießen einen gewissen Vertrauensvorsprung, wie etwa die Tagesschau App (“Ich guck morgens meistens kurz die 20-Uhr vom Abend in der Mediathek”) oder Süddeutsche und Zeit (mit ihren entsprechenden Online-Angeboten).

Ich weiß nicht, ob es an der Fragestellung lag, aber nur eine Person hat zwei Youtube-Kanäle genannt, die sie regelmäßig schaut (WDR 360 und “Was geht ab?”). Von alternativen News von LeFloid und Co. war keine Rede. Es wird also vor allem Text gelesen (“Ich muss halt auch auf mein Datenvolumen gucken”) und per WiFi werden dann eher die “klassischen” Angebote über die Mediatheken (oder Youtube-Kanäle) abgerufen.

Vielleicht sollte ich am Ende des Seminars noch fragen, welche Themen die jungen Damen interessieren. Aber als sie selbst gute Beispiele für Online-Geschichten sagen sollten, die sie selbst in der letzten Zeit gut gefunden haben, war eines der Beispiele dieser One-Pager der Zeit über eine Frau, die vorgibt, die Mutter von Wladimir Putin zu sein.

Wie gesagt, alles keine neuen Erkenntnisse, aber vielleicht sollte man sich viel häufiger mit jungen Kolleg/innen treffen um zu sehen, wo die Reise so hingeht. Eigentlich sollte ja allen klar sein: “Die Zukunft ist mobile” – aber als etablierte Medien haben wir trotzdem immer noch das Vertrauen der jungen Zielgruppe. Das ist doch erstmal eine gute Nachricht.

* organisiert wurde das Seminar von der Medienwerkstatt der KAS – die Journalistenseminare für Schüler anbieten (Werbung Ende)

** In einer vorherigen Version war von “sozialistischen Studien” die Rede. Das ist natürlich Quatsch gewesen und war eine Folge von zu viel Seminar und zu wenig Schlaf (02.06.2015, 09:53 Uhr)

Digitales Büro

Die letzten Tage habe ich mal ein wenig mein digitales Büro auf- und umgeräumt und neue Tools und Apps integriert, die helfen sollen, den Arbeitsalltag als Journalist ein bisschen zu vereinfachen, zu optimieren und zu automatisieren. Ich liebe zwar immer noch meine alte Kladde, die ich immer dabei habe, aber es gibt einige nützliche Programme, die sich in der letzten Zeit ziemlich bewährt haben. Spannend finde ich, wie stellenweise die Apps ineinander greifen und sich miteinander synchronieren. Besonders hilfreich ist das ganze nicht nur, um die eigenen Notizen zu ordnen und zu speichern, sondern vor allem, wenn es darum geht, verschiedene Informationsquellen schnell zu bündeln (um z.B. morgens beim Aufstehen und Frühstück die wichtigsten Nachrichten zu lesen). Ein kleiner (und kurz gehaltener) Überblick:

1.) Evernote + Evernote-Canner

Der Klassiker, klar. Evernote als elektronisches Gedächtnis dürften mittlerweile viele nutzen. Ich hab mich selbst lange versperrt, möchte Evernote mittlerweile aber nicht mehr missen. Es geht ja nicht nur um kleine Notizen, die man in verschiedene digitale Notizbücher speichert, Evernote erleichtert das archivieren und vor allem das auffinden von Notizen ungemein.

Im Homeoffice nutze ich dazu einen speziellen Scanner (Canon ImageFormula P-208), der beim scannen das Bild direkt auf einen einzigen Knopfdruck zu Evernote hochlädt. Visitenkarten, Quittungen, etc. landen mit einem Klick dann im richtigen Ordner. Und durch die geniale Texterkennung von Evernote muss ich gar nicht groß Stichworte oder Tags anlegen. Die Suchfunktion findet alles sofort. Natürlich jetzt nicht für die sensibelsten Daten geeignet. Aber für das meiste schon. Und wenn ich in zwei Jahren die Quittung für den kaputten Scanner brauche: Voilà, find ich sie sofort.

Für unterwegs als App dann einfach den Evernote Document Scanner nehmen. Zusätzlich das Mozilla AddOn für Evernote und man kann auch Webseiten und spannende Artikel direkt ins digitale Archiv legen.

2.) Rss-Reader / Feedly

Überhaupt: Lesen! Morgens im Bett ein erster kurzer Nachrichtenüberblick, der dann später beim Frühstück intensiviert wird. Die wichtigsten News kurz überfliegen, längere und interessantere Artikel speichern für später. Die einfachste Möglichkeit, um die verschiedenen Nachrichtenquellen (Zeitungswebseiten, Blogs, etc.) zu bündeln ist per RSS-Reader. Ich nutze hier am liebsten “Feedly” (weil es sich auch gut mit anderen Schnittstellen und Apps verträgt – später mehr). Die einzelnen Feeds und Inhalte laufen in vorher definierte Kategorien ein wie Ressorts in der Zeitung (z.B. regelmäßig in Hauptnachrichten, Medien oder Jihad- und Extremismusblogs). Wenn mir beim ersten, schnellen drüberlesen was spannendes auffällt, schicke ich es meistens mit einem Klick (indem ich einen Artikel zum Beispiel favorisiere) an die nächste App, in der zu lesende (längere) Artikel dann gespeichert werden.

Daneben gibt es noch verschiedene Apps, die damit werben, eigenständig eine Art Online-Zeitung aus den verschiedensten Online-Medien zu erstellen. Sie funktionieren alle nach dem ähnlichen Prinzip: Man sucht sich Lieblingsressorts aus und die App bündelt automatisch die verschiedenen Artikel von Spiegel Online, Zeit oder Stern zum Thema. Hier nutze ich “News Republic”, es gibt aber sicherlich noch bessere Apps, die komfortabler zu bedienen sind (Anregungen gerne an mich!).

3.) Soziale Netzwerke / Nuzzel


Wieviel Zeit verbringt man in sozialen Netzwerken, um auf dem laufenden zu bleiben – um spannende und lesenswerte Artikel und Themen nicht zu verpassen? Vermutlich extrem viel. Klar, man könnte sich jetzt beispielsweise bei Facebook auf die “Hauptmeldungen” verlassen, wäre dann aber dem Facebook-Algorithmus ausgeliefert. Und bei Twitter nutze ich selbstverständlich Tweetdeck und habe meine abonnierten Freunde in übersichtliche Listen eingeteilt. Das ist auch gut und kann auch von keiner App abgenommen werden, aber hier geht es ja um ökonomische Zeitgestaltung. Also überlasse ich das zusammenführen der wichtigsten Artikel in den verschiedenen Accounts auch einem Programm: “Nuzzel”. Es liest die meistgeteilten Links und Themen der Freunde aus und bündelt sie (ja, Datenschutz ist da ein anderes Thema). So habe ich aber immer aktuell ein Ranking der meistgeteilten Artikel und weiß, was in meinen Kreisen gerade Thema ist und kann die Artikel dann später selbst lesen.

4.) Später Lesen / Pocket


Eigentlich ja das Thema: Zwischendurch mal eben etwas lesen, während man auf den Bus wartet, beim Frisör sitzt, beim Frühstück, etc. Alle oben beschriebenen Quellen bündeln sich bei mir in “Pocket”, einer App und einem AddOn, das ich am Anfang auch erst unterschätzt habe. Pocket ist mein “to read” – Gedächtnis (Ich wette, die meisten haben auch einen Favoritenordner im Browser, der “to read” o.ä. heißt). Wenn mir ein Artikel gefällt und ich ihn später in Ruhe lesen will, ich einen Teaser gut fand, etc. dann landet er in Pocket und ist von da an mobil und auf dem Desktop für mich zu lesen.

Das schöne ist: Auch wenn mir in Feedly ein Artikel auffällt, dann schicke ich ihn mit einem Klick an Pocket und habe ihn da ohne großen Aufwand archiviert. Überhaupt ist Pocket sehr schlicht aufgebaut. Alles läuft chronologisch ein. Wenn ich mit dem lesen durch bin oder nach ein paar Sätzen feststelle, dass der Artikel doch nicht hält, was er versprochen hat, landet der Artikel mit einem Wisch entweder im (durchsuchbaren) Archiv oder verschwindet im Papierkorb. Dadurch läuft Pocket auch nicht allzu schnell über. Denn die Archivierung findet ja in Evernote statt. Und hier kommen wir langsam zum automatisierten Tagesablauf: Wenn ich einen Artikel archivieren will, markiere ich ihn in Pocket einfach als Favorit und er landet in Evernote in meinem “Zeitungsarchiv”.

5.) Alles automatisch / ifttt


Auch dafür gibt’s wieder ein Programm: ifttt. If this then that. So einfach, wie es sich anhört ist es auch. Über ein simples Dashboard kann ich per Drag and Drop verschiedene Aufgaben, sogenannte “Receipes” erstellen: Wenn ich in Pocket also einen Artikel favorisiere, dann wird er automatisch in mein Evernote-“Zeitungsarchiv” gespeichert. Ifttt ist ein ziemlich mächtiges Tool, wenn man sich einmal näher damit beschäftigt. Das geht von diesen einfachen Aufgaben die oben beschriebenen Apps untereinander zu synchronisieren bis hin zur Steuerung der Lichtstimmung im Wohnzimmer, je nachdem welche Farbe das Bild hat, das ich gerade bei Instagram hochgeladen habe.

Es lohnt sich, sich einmal länger mit dem Programm auseinanderzusetzen. Besonders hilfreich ist das eben, wenn es neue Artikel auf einer Webseite gibt – oder Newsletter veröffentlicht werden – dass die dann automatisch zu Feedly, Pocket oder Evernote hinzugefügt werden. Favorisierte Facebooktweets (mit noch zu lesenden Artikeln und Links) landen ebenfalls automatisch im “to read”-Ordner. Die Möglichkeiten sind ziemlich vielfältig, weil sie nicht nur da landen, sondern gleichzeitig auch über meine eigenen Social Media-Kanäle weiterverteilt werden.

6.) Social Media / Buffer


Wenn ich mein Leseverhalten aber anschaue dann sieht das meist so aus: Morgens möglichst viel lesen, sich dann anderen Aufgaben widmen und am besten selbst etwas schreiben und recherchieren und abends dann nocheinmal schauen, welche Neuigkeiten es überall gibt. Wenn ich jetzt interessante Links verschicken würde, dann würde das bedeuten, dass ich morgens meine Timeline mit 5-6 Posts vollhauen würde und abends noch einmal. Also habe ich auch das Teilen delegiert: An Buffer. Ich habe die App mit meinen Social Media Accounts verbunden. Wenn ich einen Link oder Post teilen will kann ich entscheiden, ob er sofort veröffentlicht wird oder in die Warteschlange kommt. Buffer arbeitet die automatisch ab und postet in (un-)regelmäßigen Abständen dann für mich in den verschiedenen Netzwerken. Hilfreich auch, um einen Post gleichzeitig auf allen Kanälen abzufeuern. Und wie gesagt: Wenn ich einen Artikel in Pocket oder Feedly favorisiere wird er automatisch in die Warteschlange bei Buffer gelegt.

Es gibt sicherlich noch tausend andere Programme, Apps und Tricks (Ideen gerne mit mir teilen) aber die oben genannten funktionieren bei mir persönlich ganz gut und sparen mir deutlich Zeit. Klar, man gibt einiges von sich preis, indem die verschiedenen Apps (und Firmen) dann miteinander kommunzieren, aber es hilft doch sehr, um den täglichen Workflow mit vielen Artikel und Nachrichten in den Griff zu bekommen.

Wir schaffen uns unsere Islamisten

Mein “Entführer” reißt mir die Augenbinde runter. Nach mehreren Stunden sehe ich wieder Licht. Und die rostige Klinge einer Axt, die er mir unter die Nase hält. Er fragt mich, ob das nicht eine schöne Axt sei. Ich reagiere nicht, versuche, mich zu orientieren. Meine Hände sind auf dem Rücken gefesselt, die Knie drücken sich in den Kies. Er gleitet mit dem Finger üebr die Scharten im Metall und fragt nochmal, ob die Axt nicht wunderschön sei? Zumindest glaube ich das, mein russisch ist nicht das beste. Wenn er arabisch sprechen würde, würde es gehen. Aber bei der Bundeswehr üben sie in einem russischsprachigen Trainingsszenario. Es ist ein Sicherheitstraining für Journalisten.

Aber ob Russe oder Islamist: Auch mein “Entführer” scheint darauf zu stehen, seine Gefangenen zu enthaupten. Gerade der “Islamische Staat” hat in letzter Zeit mit ziemlich brutalen Enthauptungsvideos und Massenhinrichtungen auf sich aufmerksam gemacht. Erst kürzlich gab es wieder ein Video mit dutzenden syrischen Kriegsgefangenen. Sie knieten auf dem Boden, dann der Kameraschwank auf eine Holzkiste mit Messern. Ein IS-Soldat nach dem anderen nahm sich eines, dann töteten sie die Gefangenen. Denn klar, die Vorstellung, dass der Prophet Mohammed den Islam mit Schwert und Koran verbreitet hätte ist selbst weit verbreitet.

Der Arabist Dr. Wim Raven hat in der Print-Ausgabe der “Zenith – Zeitschrift für den Orient” kürzlich dieses Bild auseinander genommen. Demnach stützen sich diese martialischen Bilder auf westliche Beschreibungen Ende des 18. Jahrhunderts. Beschreibungen und Zeichnungen stellten den Propheten eben genau so dar: Mit dem Schwert in der einen und dem Koran in der linken Hand (Wobei sich die Frage stellt, welcher gläubige Muslim den Koran in die linke – die unreine – Hand nehmen würde? Und auch die Reclam-Ausgabe des Koran war damals noch nicht allgemein verbreitet. Aber das nur am Rande).

Vielmehr, so schreibt es Raven, hätten sich die (christlichen) Künstler an Darstellungen christlicher Evangelisten und Apostel orientiert und Mohammed eben mit “seinen” Attributen Schwert und Buch dargestellt. Das Schwert spielt eine wichtige Rolle im Islam-Bild. Die europäischen Vorstellungen vom Orient, so schreibt es Edward Said 1978 im Standardwerk “Orientalism”, seien mit Absicht verzerrt worden, um das Herrschen zu erleichtern. Zwar sei er auf der einen Seite schön und exotisch dargestellt worden (Feiern, Textilien, Stoffe, Gewürze), auf der anderen Seite aber rückständig und antiquiert. “Orientalische Despoten mussten nur mit den Fingern schnippen und schon wurde jemand standrechtlich geköpft, natürlich malerisch mit einem Schwert”, schreibt Dr. Wim Raven. “Der so kreierte Orient bescherte dem Betrachter ständig ein wohliges Schaudern. Bilder von Arabern, die mit Schwertern um sich schlagen, sind dem europäischen Gedächtnis wie eingebrannt.”

Aber natürlich ist das alles nicht aus der Luft gegriffen. Die Fahne Saudi-Arabiens zeigt auf grünem Grund ein weißes Schwert, darüber in schönen Kaligraphien der Ausspruch: “Es gibt keinen Gott außer Allah”. Die Zahl der Exekutionen durch Enthaupten ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Schaurig beschreibt Markus Bickel von der FAZ eine solche Szene in Riad. Anfang der 2000er wurden fast 50 Menschen enthauptet, im vergangenen Jahr waren es 79. Saudia-Arabien beruft sich auf die Scharia in der Rechtssprechung. Dabei folgt das Land der hanabilitischen Rechtsschule, als einer von vier Rechtsschulen. Nur sie schreibt Tod durch das Schwert vor. Hanabaliten sind Saudis und die IS-Terroristen.

In anderen Rechtsschulen, in denen es die Todesstrafe auch gibt, wurden immer “moderne” Tötungsmethoden eingesetzt. “Im Osmanenreich, also einschließlich Syrien und Irak, hat man seit Mitte des 19. Jahrhunderts nur noch durch Erhängung hingerichtet”, analysiert Raven. All das ist natürlich dennoch grausam und unmenschlich. Dennoch ist in den IS-Bildern eine Brutalität und Schmähung ihrer Opfer zu sehen, die alles andere toppt. Auch IS könnte anders töten (was sie auch in diversen Erschießungsvideos zeigen), aber wenn es ihnen drauf ankommt greifen sie zum Schwert. Warum?

Wim Raven vermutet dahinter – und auch bei den Saudis – eine re-invented tradition. Mehr als auf die Hadithe würden sich die Terroristen auf die orientalische Bildertradition des Westen beziehen und sie medial ausnutzen. Und gerade das ist auffällig: Vor allem in den Videos, die sich an den Westen richten werden die Opfer enthauptet (soweit ich das in den bisherigen Videos überblicken konnte). Der IS will also bewusst die jahrhundertealte Bildkraft des Schwertes nutzen. Raven folgert daraus: “Es ist ein weiteres Beeispiel dafür, wie Muslime sich selbst nach Vorbildern inszenieren lassen, die von orientalischen Europäern stammen.”

Dahinter steckt darum vielmehr, als eine reine Zurschaustellung islamistischer Stärke: Es ist die ultimative Demütigung des Westens, in dem westliche Bilder reproduziert werden. Gleichzeitig ist es eine Gefahr für das Islam-Bild im Allgemeinen, denn die Bilder zeigen: “Seht her, wir sind die Muslime, die ihr fürchtet!” Darin liegt nicht nur eine Verzerrung des Islam, sondern im Grunde genommen auch eine Kampfansage an die gemäßigte islamische Welt. Sei es bei den IS-Terroristen als auch bei Saudi-Arabien. Aspekte wie: Ist der Islam generell gewalttätig und ruft zum Kampf gegen Ungläubige auf?, will ich hier gar nicht diskutieren. Viel spannender ist der gezielt provokative Einsatz des Schwertes durch islamistische Krieger. Und die hat sich der Westen im Grunde selbst geschaffen und bekommt jetzt die Islamisten vor denen er sich immer gefürchtet hat.

Stahlgetwitter

Ein Glück, dass es so viele Krisen auf der Welt gibt. Da können wir Nachrichtenleute unseren Hang zum martialischen mal richtig ausleben. Wie wichtig es aber ist, sprachliche Muster zu überdenken, ist mir vergangenen Woche bei den Nachrichten aus dem Nahen Osten nochmal klar geworden.

Zwar schrieb Kollege Udo Stiehl als oberster Hüter sprachlicher Bilder und Floskelschätzen von erfreulichen Entwicklungen: Nämlich, dass die Unart, gezielte Angriffe westlicher Staaten als “chirurgische Eingriffe” mit hin und wieder “Kollateralschäden” zu bezeichnen, glücklicherweise heute kaum noch stattfindet. Aber was ich über “ISIS” im Radio gehört habe, hat mich dann doch nachdenklich gemacht:

Über die Bezeichnung “radikal-islamisch” konnte man schon bei der Hamas vortrefflich streiten. Ich finde es persönlich selbst schwer, aus solchen tradierten Wortkonstruktionen herauszukommen. Dass “IS” aber zum Ziel hat, einen “Terrorstaat” zu errichten? Wirklich? Hat sich Abu Bakr Al Baghdadi mit seinen Kumpel hingesetzt und beim Schreiben der Verfassung gesagt: “Leude… in die Präambel muss rein: Das Kalifat ist ein Terrorstaat!” Ich wage das mal zu bezweifeln. Dass im Nahen Osten gerade tatsächlich einiges verdammt schief läuft ist ja nicht zu bestreiten, aber von der “Errichtung eines Terrorstaates” zu sprechen geht schon in eine ziemlich propagandistische Richtung.Vielleicht reicht es ja einfach davon zu berichten, was die “IS-Schergen” (auch im Radio gehört) da so alles veranstalten und man kommt selbst auf die Idee, dass man jetzt nicht die nächste Urlaubsreise in den “IS” buchen würde.

Und dann habe ich auch noch bei einer Nachricht über die Verurteilung der Al Qaida-Zelle aus Düsseldorf ein bisschen gestutzt. Sollte man, wenn die Polizei eine Gruppe entdeckt und verhaftet, die Bombenanschläge in Deutschland plant, wirklich davon sprechen, dass die Gruppe “hochgegangen” ist? Die Stimmung bei den bärtigen Jungs soll, so hört man, ja nicht so bombig gewesen sein.

Kritik am und im Lokalen

Im Netz ging es letzte Woche mal wieder um die Print-Krise als solche im ganzen und den Lokal- und Regionaljournalismus im speziellen. Juliane Wiedemeier schrieb über die “Endstation Winzerfest”. Ihre Argumentation: Die Lokalzeitungen sind selbst schuld am Zeitungssterben, weil sie – größtenteils – nur über Nichtigkeiten (und eben Winzerfeste) berichten würden. Keine Relevanz, keine “investigative” Recherche. Keine Neuigkeit soweit.

Hat auch Christian Jakubetz festgestellt, dass die ganze Diskussion ja nicht neu ist. Er dreht das Gespräch anders: “Die Leute kriegen den Journalismus, den sie im Lokalen wollen.” Wie viel Journalismus geht im Lokalen?, fragt er deswegen und antwortet: Eigentlich wenig. Die Menschen seien zwar an Skandalen interessiert, aber wenn es in ihrem eigenen Mikrokosmos passiere, dann würden sie zwar drüber sprechen, es aber nicht gerne in der Zeitung lesen.

Die Meinung teile ich nicht.

Als ich vor mittlerweile fast zehn Jahren meine Journalistenausbildung begonnen hatte, bekam ich vom Ausbildungsleiter eine schlechte Kopie eines ZEIT-Artikels. Es ging damals schon um das Relevanz-Problem im Lokaljournalismus. Eine Kollegin beschrieb ihre Erfahrungen. Von einem Brand (ich glaube, es war eine Scheune) schrieb sie. Und davon, dass die Freiwillige Feuerwehr das Feuer nicht löschen konnte, weil sie im Suff vergessen hatten, wo sie den Pumpenwagen hingestellt hatten. “Aber schreib’s net in der Zeitung”, ist so ein Satz, der mir hängen geblieben ist.

Nun versuchen die großen Medien und Zeitungen dem ganzen – schnellen und oberflächlichen (Achtung: Ironie!) – Onlinejournalismus “Qualität” entgegen zu setzen. Viele Häuser bauen Investigativ- und Rechercheressorts auf und aus, weil sie erkennen, dass eigene Geschichten, eigene Recherchen, eigene Informationen aus der Masse der Newsflut herausstechen können.

Und werden da die Regionen jetzt noch weiter abgehängt, weil der Leser keine kritischen Berichte über sein Umfeld haben möchte? Das glaube ich nicht. Und zwar aus mehreren Gründen: Zum einen – so ist mein Eindruck aus der regionalen Berichterstattung im Norden – sind die Menschen mittlerweile deutlich sensibler geworden, was Fehlverhalten und Skandale betrifft. Die große, medial berichtete Welle von Fehltritten deutscher Politiker und (inter-)nationaler Konzerne hat dazu geführt. Es ist klarer geworden, dass Fehlverhalten heute sehr viel leichter aufgedeckt werden kann. Da soll so etwas nicht auch noch in der so empfundenen heilen Nachbarschaft passieren.

Zweitens kommt es von Seiten der Medien aber auch darauf an WIE berichtet wird. Geht es nur darum, jemanden bloß zu stellen, Leute lächerlich zu machen oder vorzuführen, weil sie einen Fehler gemacht oder bewusst beschissen haben? Dann sollte man tatsächlich überlegen, ob das den Lesern / Zuschauern / Hörern etwas bringt. Die Frage muss doch vielmehr sein: Wie konnte es dazu kommen? Stehen da strukturelle Probleme hinter? Haben Aufsichten versagt? Wieso hat jemand so gehandelt, wie er gehandelt hat?

Dadurch kommt Presse nicht nur ihrem Watchdog-Auftrag nach, sondern kann – im regionalen noch viel mehr als im nationalen – Dinge anstoßen und verändern. Meine Erfahrung ist: Sobald fair recherchiert und berichtet wird und das ganze entsprechend transparent für alle gemacht wird, wird auch eine kritische Berichterstattung im Lokalen akzeptiert.

Ich unterstelle vielen Redaktionen, die dann über Reaktionen schimpfen wie: “Die haben alle unserer Zeitung abbestellt, nur weil wir richtig berichtet haben”, dass dort noch immer Kollegen aus einer Zeit sitzen, die der Meinung sind, dass sie die Hüter aller Wahr- und Weisheiten sind. Und mit entsprechendem Verhalten auch auftreten.

Wenn wir aber unser Publikum evtl. sogar mit einbinden in die Recherchen – auch zu späteren Zeitpunkten – ist auch im Lokalen ein Journalismus abseits von Winzerfesten möglich. Das muss man aber eben auch wollen. Und die Reaktion des Bürgermeisters beim Wein beim nächsten Winzerfest aushalten können.