“Bye, Bye Safari”

Was ich in meiner gesamten Zeit im Orient nicht geschafft habe, das habe ich jetzt geschafft: Das handliche Notizbuch im schwarzen Ledereinband ist so gut wie vollgeschrieben. 192 Seiten voller Erlebnisse, voller Recherchen, voller Fragen. Die Antworten in mehreren tausend Dateien auf dem Weg nach Deutschland mit mir, wo sie dann darauf warten zu weiteren Reportagen verarbeitet zu werden. Was bei allen Vorankündigen bleibt: Die Erkenntnis, dass hinter mir zwei unfassbar intensive und arbeitsreiche Monate liegen. Kein Tag Pause, kein Tag zum bearbeiten, kein Tag zum verarbeiten. Ein wenig abgemagert. Immer auf Reisen, immer auf Safari im eigentlichen Sinn.

Und das darf ich getrost trotz meines nur kleinen Einblicks in dieses Land sagen: Tansania ist ein Safari-Land. Und damit meine ich nicht die touristischen Safaris im gepolsterten Jeep durch die Serengeti oder den Ngorongoro-Krater. Damit meine ich die Safari im wörtlichen Sinne. Safari ist Reise, ist im Aufbruch sein, ist unterwegs sein, ist sich treiben lassen. Gerade letzteres macht hier die Arbeit als Journalist natürlich ungleich schwieriger als in Deutschland.

Also habe ich die Safari auch wörtlich genommen und bin gereist. Mehrfach durchs gesamte Land, mehrere tausend Kilometer, mehr als ein dutzend Flüge; unzählige Busse, voll gequetschte Dalla-Dallas, überteuerte Taxis, dreirädrige Bajajis und sich durch den Verkehr wuselnde Motorräder bestiegen. Tansania ist immer auch Entfernung. Entfernung von der Hochkultur, Rückkehr zur Natur, Entfernung aber auch auf Distanz gemessen. Tansania ist ein Land der Extreme.

Der höchste Berg Afrikas (den ich leider nicht mehr bestiegen habe), die größten Naturreservate der Welt, Einladungen (manchmal) und Aufforderungen: „ey, mzungu, give me money!“ (viele). Zwischentöne gibt es nur, wenn die Sonne kurz den Horizont berührt. Aber selbst die Zwischentöne sind extrem. Tiefstes orange und blau, dunkelstes schwarz. Der Journalist Bartholomäus Grill, der Jahrzehnte lang u.a. für die Zeit in Afrika als Korrespondent unterwegs war hat das in seinem lesenswerten Buch „Ach, Afrika“ auch so beschrieben.

Man gerät also zwangsläufig zwischen Scylla und Charybdis und hat anscheinend nur die Wahl zwischen zwei Extremen, wenn man über diesen Kontinent berichtet. (…) Er kann uns am Morgen die Hoffnung rauben und am Abend frische Zuversicht schenken. Er macht uns oft ratlos und manchmal wütend und weist uns, wenn wir nicht mehr weiterwissen, neue Wege. Aber kaum glauben wir, etwas verstanden zu haben, gibt er uns das nächste Rätsel auf.

Es war nur eine kurze Stippvisite, aber die pendelte auch zwischen den Extremen. Zwischen grenzenlosem Staunen, einem überbordenden Glücksgefühl, wenn ich nach tagelanger Fahrt zum Sonnenuntergang an einem paradiesischen Strand angekommen war; wenn ich in den stundenlangen tansanischen Gottesdiensten von der Musik und der Euphorie mitgerissen wurde, einem Chor aus hunderten Stimmen; wenn ich unter einem fremden Sternenhimmel den Affen zugesehen habe, wie sie durch die Palmen springen.

Zwischen all dem schwanke ich und dem sich übergebenden Dämon in den Kirchen im nächsten Moment; den Tagen, in denen ich mit verschiedensten Krankheiten im Bett und an der Infusion lag; den Diebstählen, Überfällen und Entführungen.

Es sind die Geschichten der Menschen, der Expats, die seit Jahren hier leben, die mich nachdenklich gemacht haben. Die Deutsche zum Beispiel, die ihr altes Leben aufgegeben hat und vor vier Jahren herkam, in die Berge zog und dort ein Waisenhaus für Aidswaisen aufbauen wollte. Nach allen bürokratischen und persönlichen Schikanen zieht sie Ende des Jahres zurück nach Europa. Da sind die Partys im „Makutano-Haus“, wo die mzungu-community jeden Donnerstag zu lokalen Bands tanzt, trinkt und tratscht – und sich immer wieder neu belegt mit Geschichten über Frustration und Enttäuschung, hinuntergespült mit Konyagi und Gin. Tansania lässt mich gerade ein wenig ratlos ziehen.

Und plötzlich fällt Dir auf, dass sich deine Texte wie die Bücher von Peter-Scholl-Latour lesen und Du stellst fest, dass der Zeitpunkt gekommen ist, nach Hause zurück zu kehren, wieder konfrontiert zu werden mit dem Alltag, um daran die hier gemachten Erfahrungen zu spiegeln.

Ein letztes Mal also Koffer gepackt. Ein letztes Mal sagen: Safari njema – Gute Reise. Auch das meine ich im doppelten Sinn.

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