#geheimerkrieg um Multimedia

Der Hund möchte nur mal kacken. So einfach könnte man die Multimedia-Strategie der großartigen ARD-Reportage über den “Geheimen Krieg” beschreiben. Denn was gestern (Donnerstag, 28.11.13) in der Sendung “Panorama” ihren Höhepunkt fand, ist Ergebnis von zwei Jahren Recherche und mehreren Wochen cross-medialer Berichterstattung. Und all das zeigt einen Weg auf, wie auch etablierte und, ja, das kann an so sagen: “altbackene” und “schwerfällig” Medienhäuser wie die ARD, künftig multimedial berichten können (und sollten). Eine Analyse der Ereignisse:

– Zuvor aber noch ein kleiner Hinweis, unter welcher Brille dieser Artikel zu lesen ist: Ich arbeite selbst für den NDR Hörfunk, bin mit einigen der Machern des “Geheimen Krieges” befreundet, weshalb das hier auch kein Loblied auf die ARD, keine Diskussion um GEZ oder sonstwas sein soll, sondern eine Beobachtung der Dinge, die die ARD-Doku “Geheimer Krieg” aus multimedialer Perspektive ziemlich gut gemacht hat –

Die große Diskussion um das Sterben der Tageszeitungen, das auch bald Radio und Fernsehen erreichen wird kann ich bald nicht mehr hören. Tausendfach werden die “etablierten” Medien totgeschrieben. Dass man noch stärker auf Facebook vertreten sein müsste, gar “What’s app”-Redaktionen einführen müsste. Und wenn dann mal Social TV wie in Richard Gutjahrs “Rundshow” betrieben wird, ist es auch nicht recht (was auch nicht heißt, dass es gut war 😉 ). Dass wir uns eigentlich nur noch über Ausspielwege unterhalten und dabei den Inhalt und die Information einer Sendung / eines Artikels / etc. vergessen nervt mich mittlerweile extrem. Die müssen erstmal gut sein und dann muss auch die Umsetzung stimmen.

Was dabei immer funktioniert: #catcontent. Oder #dogcontent. Und damit fängt der “Geheime Krieg an”:

Erste Schnipsel der Dokumentation laufen durch die sozialen Netzwerke. Statt schwerwiegender Kost – hey, immerhin geht es darum, dass die USA ihre geheimen Drohnenangriffe in Somalia von Deutschland aus steuern und dabei den “ein oder anderen” Zivilisten töten! – geht es um Nana, die in der Nähe von supergeheimen US-Einrichtungen nicht ihr Geschäft machen darf. Von diesen kurzen Filmen gibt es mehrere: Autor John Goetz buddelt in England nach dem Telefonkabel, an dem die Engländer unserer Gespräche abhören. Er veranstaltet ein Kameraballett vor US-Einrichtungen. Er zeigt Werbefilme der Amerikaner für deren “AFRICOM”-Zentrale, die die guten Jungs absurderweise selbst mit Shakiras “… cause this is Africa” untermalt haben. Absurdes und Skurriles, wie es im Netz gut funktioniert. So wurde schon mal mehr als eine Woche vor der Sendung ordentlich Werbung für den Film gemacht. Auf allen Kanälen.

Gleichzeitig präsentierte die Süddetusche Zeitung (das Projekt ist eine Co-Produktion von NDR und SZ) fast täglich Artikel über einzelne Aspekte. Klein portioniert wurden losgelöst Geschichten, Reportagen und Hintergründe unter dem Label “Geheimer Krieg” veröffentlicht. Aber jede Geschichte stand für sich. Gleiches galt für die Kollegen beim NDR Hörfunk. Auch hier: fast täglich eine neue Geschichte. Ein Aspekt.

Und so liest sich auch das begleitende Online-Projekt: www.geheimerkrieg.de. Die Kollegen der OpenDataCity haben die Recherchen grafisch umgesetzt und eine solide #scrollytelling-Geschichte produziert. Einzelne Kapitel, die man auch abgeschlossen und für sich lesen kann. Video-Schnipsel, Karten, Texte, Fotos. Alles zusammen, aber nicht gewollt, sondern so, wie es gerade für den jeweiligen Aspekt der Geschichte nötig ist. Das ganze ist kein großartiger Multimedia-Journalismus: Aber es ist sehr solides Handwerk, wie es künftig zur Routine werden könnte (bei leichteren Stoffen natürlich).

Denn natürlich kann man interaktive Reportagen gestalten, die sich wie ein Computerspiel “lesen”, man kann selbst Teil der Reportagen werden, wie es Arte z.B. gerade erst wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat mit seiner Reportage / seinem Spiel “Fort McMoney”. Bei all dem wird aber zurecht von vielen Medienhäusern, die nicht die Kohle des öffentlich-rechtlichen haben, nicht deren Man-Power, kritisiert, dass solche Leuchtturmprojekte nur ganz außergewöhnlich mal umgesetzt werden können. Weil es neben den Journalisten noch Grafiker, Programmierer, Dramaturgen, etc. braucht. Auch der “Geheime Krieg” ist nicht täglich umzusetzen, was vor allem an den aufwändigen Recherchen lag. Doch in der Umsetzung kann man auch alltägliches für die Zukunft im Journalismus lernen: Hier wurde ein Thema für verschiedene Ausspielwege so aufbereitet, dass es im jeweiligen Medium gut funktioniert hat: Hintergründe in der Zeitung und Online, persönliche Geschichten im Radio, Absurdes über SocialMedia. Und eine gut erzählte Geschichte im TV. Auch das war kein Hochglanz-Fernsehen, früher hätten viele Sender abgelehnt mit dem Hinweis auf die verwackelten Bilder der Spiegelreflex-Optik. Aber all das war in sich mit der Geschichte stimmig.

Von daher mag ich keine Regeln aufstellen, aber wenn man sich das Gesamtprodukt anschaut, wird man schnell merken, was dort richtig gelaufen ist. Und eben auch im SocialTV: Während der Film lief wurde ab und an der Hashtag #geheimerkrieg eingeblendet. Diskutiert wurde dann vor allem, als Beckmann zum gleichen Thema im Ersten lief (klar, den Film wollte keiner verpassen). Und viel wichtiger: Die Autoren kommentierten live mit, beantworteten Fragen, ordneten die Kommentare und Fragen in Rubriken. Selbst die banalsten. Und das macht doch große Hoffnungen für die Zukunft.

Und damit heißt es jetzt: Zurücklehnen und diesen Film noch einmal anschauen.

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