Kino ohne Bilder

Wie entstehen eindrucksvolle Reportagen? Hörstücke, die lange im Kopf bleiben und nicht nur so durchrauschen? Es sind ja nicht immer nur die klassischen Reportagen, die Kopf-Kino erzeugen – und darüber könnte man sich jetzt trefflich streiten. Ist der Reporter nur der, der rausgeht, Töne und Atmo sammelt und das ganze dann mit seinen eigenen Beschreibungen und Eindrücken vermischt? Oder ist der Reporter nicht auch derjenige, der die Stimmung vor Ort einfängt und transportiert, um so den Hörer wirklich teil der Szenerie werden zu lassen? Letzteres sind dann häufig keine Reportagen im klassischen Sinne, aber sie erzeugen eine Wirkung, die mich fesselt, die mich während langer Autofahrten in fremde Welten entführt: In ein Kloster, zu einer Wohnungsbesichtigung nach Hamburg, nach Syrien.
Deswegen hatte ich mich bei meinem letzten Seminar dazu entschlossen, eben nicht die “klassische Reportage” zu unterrichten, sondern auch viele Beispiele zu geben, wie man den Hörer informiert und unterhält gleichermaßen. Eben: Kino ohne Bilder macht.

Hier sind einige Hörproben (teils in Ausschnitten) mit kurzen Erklärungen dazu:

Der Klassiker

Ein Großereignis – Hochwasser an der Elbe – viele Reporter vor Ort und jetzt soll man eine “stimmungsvolle” Reportage bringen. Die Reportage “Flutwelle erreicht Schnackenburg” funktioniert vor allem durch die Beschreibungen des Reporters und den Protagonisten.

Die Reportage funktioniert nach einem einfachen Prinzip, das gerade in der aktuellen Berichterstattung gut funktioniert:
Szene/Beschreibung – OT 1 (emotional) – Szene / Hintergrund – OT 2 (Experte) – Szene / Hintergrund – OT 3 (offiziell od. emotional) – Hintergrund – OT 4 (emotional) – Szene – OT 5 (faktisch) – Szene / Hintergrund – OT 6 (emotional / Fazit) – Fazit / Ende

In der Regel reicht es dabei eigentlich, einen Experten zu haben. Die ersten O-Töne sind meist emotional, dann kommt eine Einschätzung und am Ende geht es wieder emotional aus der Reportage heraus. Ein Baukastenprinzip für schnelle Reportagen.

Der Einsatz von O-Tönen
Wie wichtig O-Töne und Interviewpartner für Reportagen sind zeigt die Geschichte von Sandra Müller (SWR), die zwei Männer dabei begleitet, wie sie ihren eigenen Sarg bauen. Die Reportage lebt von der Atmo und den eindrucksvollen O-Tönen. Sandra muss gar nicht viele Hintergründe geben und selbst viel texten. Die Geschichte erzählen die beiden Protagonisten fast von selbst. Ein starkes Stück.

Handlung
Neben guten Protagonisten, die erzählen können, benötigt eine Reportage vor allem eines: Handlung und Dramaturgie. Die Geschichte aus dem Dradio kultur “Faszination Highend” über Tontüftler zeigt das sehr schön. Ein Thema, das mich eigentlich nicht interessiert (ein komischer Mensch hat Hördepression, weil seine Musikanlage nicht richtig eingestellt ist), ist doch faszinierend, weil der Autor, Andreas Wenderoth, die Geschichte detailliert beschreibt und mich bei den wichtigsten Schritten – auch akkustisch – mitnimmt. Ich bin als Hörer quasi der Praktikant des Tontüftlers.


Stimmung erzeugen

Aber wie erzeugt man Stimmung, wenn sich die Geschichte / der Konflikt im Kopf des Protagonisten abspielt? In dem kann es ziemlich laut sein, aber als Außenstehende kriegen wri das (oft) nicht mit. Magdalena Bienert hat mit ihrer Geschichte “Ein blutiges Laken Deine ganze Zukunft” eine Story erzählt, die am Anfang vielleicht etwas seltsam und nervig daherkommen mag, mit der Musik und den redundanten Wiederholungen. Aber wenn einem klar wird, dass das genau das Ziel ist: Dieses Drehen im Kreis nachzuvollziehen, nimmt die Geschichte unheimlich an Fahrt auf.

Die Reportage braucht also mehrere Elemente:
– Ort
– Protagonist
– Handlung
– O-Töne
– Atmo

Hinzukommt: Reportagen haben nicht nur ein Informationsziel, sondern auch ein Emotionsziel. Information wird über die Verkmüpfung mit Emotionen transportiert.

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