Kritik am und im Lokalen

Im Netz ging es letzte Woche mal wieder um die Print-Krise als solche im ganzen und den Lokal- und Regionaljournalismus im speziellen. Juliane Wiedemeier schrieb über die “Endstation Winzerfest”. Ihre Argumentation: Die Lokalzeitungen sind selbst schuld am Zeitungssterben, weil sie – größtenteils – nur über Nichtigkeiten (und eben Winzerfeste) berichten würden. Keine Relevanz, keine “investigative” Recherche. Keine Neuigkeit soweit.

Hat auch Christian Jakubetz festgestellt, dass die ganze Diskussion ja nicht neu ist. Er dreht das Gespräch anders: “Die Leute kriegen den Journalismus, den sie im Lokalen wollen.” Wie viel Journalismus geht im Lokalen?, fragt er deswegen und antwortet: Eigentlich wenig. Die Menschen seien zwar an Skandalen interessiert, aber wenn es in ihrem eigenen Mikrokosmos passiere, dann würden sie zwar drüber sprechen, es aber nicht gerne in der Zeitung lesen.

Die Meinung teile ich nicht.

Als ich vor mittlerweile fast zehn Jahren meine Journalistenausbildung begonnen hatte, bekam ich vom Ausbildungsleiter eine schlechte Kopie eines ZEIT-Artikels. Es ging damals schon um das Relevanz-Problem im Lokaljournalismus. Eine Kollegin beschrieb ihre Erfahrungen. Von einem Brand (ich glaube, es war eine Scheune) schrieb sie. Und davon, dass die Freiwillige Feuerwehr das Feuer nicht löschen konnte, weil sie im Suff vergessen hatten, wo sie den Pumpenwagen hingestellt hatten. “Aber schreib’s net in der Zeitung”, ist so ein Satz, der mir hängen geblieben ist.

Nun versuchen die großen Medien und Zeitungen dem ganzen – schnellen und oberflächlichen (Achtung: Ironie!) – Onlinejournalismus “Qualität” entgegen zu setzen. Viele Häuser bauen Investigativ- und Rechercheressorts auf und aus, weil sie erkennen, dass eigene Geschichten, eigene Recherchen, eigene Informationen aus der Masse der Newsflut herausstechen können.

Und werden da die Regionen jetzt noch weiter abgehängt, weil der Leser keine kritischen Berichte über sein Umfeld haben möchte? Das glaube ich nicht. Und zwar aus mehreren Gründen: Zum einen – so ist mein Eindruck aus der regionalen Berichterstattung im Norden – sind die Menschen mittlerweile deutlich sensibler geworden, was Fehlverhalten und Skandale betrifft. Die große, medial berichtete Welle von Fehltritten deutscher Politiker und (inter-)nationaler Konzerne hat dazu geführt. Es ist klarer geworden, dass Fehlverhalten heute sehr viel leichter aufgedeckt werden kann. Da soll so etwas nicht auch noch in der so empfundenen heilen Nachbarschaft passieren.

Zweitens kommt es von Seiten der Medien aber auch darauf an WIE berichtet wird. Geht es nur darum, jemanden bloß zu stellen, Leute lächerlich zu machen oder vorzuführen, weil sie einen Fehler gemacht oder bewusst beschissen haben? Dann sollte man tatsächlich überlegen, ob das den Lesern / Zuschauern / Hörern etwas bringt. Die Frage muss doch vielmehr sein: Wie konnte es dazu kommen? Stehen da strukturelle Probleme hinter? Haben Aufsichten versagt? Wieso hat jemand so gehandelt, wie er gehandelt hat?

Dadurch kommt Presse nicht nur ihrem Watchdog-Auftrag nach, sondern kann – im regionalen noch viel mehr als im nationalen – Dinge anstoßen und verändern. Meine Erfahrung ist: Sobald fair recherchiert und berichtet wird und das ganze entsprechend transparent für alle gemacht wird, wird auch eine kritische Berichterstattung im Lokalen akzeptiert.

Ich unterstelle vielen Redaktionen, die dann über Reaktionen schimpfen wie: “Die haben alle unserer Zeitung abbestellt, nur weil wir richtig berichtet haben”, dass dort noch immer Kollegen aus einer Zeit sitzen, die der Meinung sind, dass sie die Hüter aller Wahr- und Weisheiten sind. Und mit entsprechendem Verhalten auch auftreten.

Wenn wir aber unser Publikum evtl. sogar mit einbinden in die Recherchen – auch zu späteren Zeitpunkten – ist auch im Lokalen ein Journalismus abseits von Winzerfesten möglich. Das muss man aber eben auch wollen. Und die Reaktion des Bürgermeisters beim Wein beim nächsten Winzerfest aushalten können.

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