Wochenendtrip nach Island

Warum zum Teufel fliegt man ein verlängertes Wochenende nach Reykjavik? Und das noch im November? Klar, Island ist eine wunderschöne Insel. Gerade wenn im Sommer die Sonne die ganze Nacht hindurch scheint. Sich das Land mit Sturmböen und Nieselregen aber im November bei maximal Dämmerlicht anzutun muss einen guten Grund haben. Und der heißt: Iceland Airwaves! Das Festival ist das wichtigste Musikfestival des Landes (gut, das ist nicht schwer), aber auch europaweit eines der wichtigsten Festivals für nordeuropäische Rock- und Independentmusik.

Letztes Jahr war ich für NDR und Deutschlandradio Kultur auf der Insel und habe ein längeres Feature über die wunderbare Musikszene in  Reykjavik gemacht (“Der Tanz auf dem Vulkan”).

Erkenntnisse: Jeder zweite Isländer macht Musik. 50 Prozent sind Dichter. Die Bands tauschen untereinander Musiker wie wir früher Panini-Bildchen. Jeder Isländer kann so ziemlich jedes Instrument spielen – und tut es auch. Man darf Fehler machen: Hat man ein schlechtes Album gemacht, bekommt man von den Zuhörern eine nächste Chance – oder man gründet eine neue Band. Es gibt keine Dating-Kultur: Man geht einfach mit einer anderen Person in die Kiste und wenn man das mehr als drei Mal macht, ist man zusammen.

Dieses Jahr habe ich auf soziologische Untersuchungen verzichtet und mich mal komplett auf die Musik eingelassen. Die fünf Tage schwankten dann zwischen: “Meine Fresse, ist das schön” bis zu “Hey, Twitter sagt, nebenan ist ein gutes Konzert, lass lieber dahin gehen…. Twitter ist ein Arsch…”

Das wunderbare am Airwaves ist die Nähe in Reykjavik. Die Konzerte finden in vielen kleinen (und größeren) Locations statt. Aber immer kann man fußläufig zwischen den Konzerten wechseln. Von der großen Konzerthalle in die alte Oper in eine abgeranzte Rockbar, ins Kunstmuseum, in eine alte Kirche am See. Dazu Band von Singer-/Songwirter bis Punkrock und elektronischem Gekreische, das eher an eine Kommunikation mit Aliens erinnert. Hier also ein kleiner Streifzug durchs Festivalprogramm mit meinen persönlichen (positiven) Entdeckungen, die ich weiterempfehlen möchte. Eine kleine Warnung vorweg: Die Isländer mögen es gerne elektronisch):

Das erste Konzert war direkt ein Highlight: Off-Venue, sechs Zuschauer und eine Band aus Amerika. Aber hey, mit “The Anatomy of Frank” bin ich gut ins Festival gestartet:

Besonders gefreut hatte ich mich eigentlich auf den Auftritt von “Kaleo”. Ein bisschen hatte ich mir die Bands im Vorfeld angeschaut und wollte sie unbedingt sehen. Leider wurde der Sänger kurzfristig krank, der Auftritt abgesagt. Aber nach diesem Lied kann man nur hoffen, dass ich sie bald mal live erlebe:

Japp, das ganze ist jetzt alles sehr ruhig. Und so bleibt es auch, wird aber elektrischer. Am ersten Tag ging es natürlich sofort ins “12 Tonàr”. DEM Musikladen in Island, einem kleinen, gelben Häuschen in Reykjavik. Der Laden ist auch ein Label und verlegt die vielversprechendsten Künstler des Landes. Bei selbstgemahlenem Kaffe sitzt man in plüschigen Sesseln, liest ein bisschen, unterhält sich mit Inhaber Laurus und genießt Musik einfach sehr bewusst. Unter vielen CD’s habe ich dann “Low Roar” entdeckt. Das Album “O” ist etwas für Herbsttage in der Badewanne, lange Autofahrten durch ein nebliges Dithmarschen oder … nein, nicht für den Morgen nach einer langen Partynacht.

P.S.: Live leider eine ziemliche Enttäuschung. Ein wenig enttäuscht – live- war ich dann von “Hymnalaya”. Die Band war meine Entdeckung des letzten Jahres. Die riesige Kapelle hatte damals noch nie zusammen live gespielt, das Album war in unterschiedlichen Gruppen aufgenommen worden. Der Auftritt in der alten Oper war deswegen der Hammer. In diesem Jahr war die Band leider sehr reduziert. Die Lieder sind aber immer noch fantastisch. Besinnliche Hymnen und Gitarren und eine schöne Stimme:

So, und jetzt wirds elektrischer. Eine Sache, die im letzten Jahr in Reykjavik aufkam: Nordlichter über der Stadt, die sich wabernd grün über den Nachthimmel zogen. “Look at the lights”. Passenderweise hatte “Sin Fang” in diesem Jahr dazu gesungen und ein sehr schönes Konzert abgeliefert. Leider ohne Nordlichter:

Beim Absackerbierchen in einer Bar traf ich dann auf Singer-/Songwirter “Junius Meyvant”:

Ebenfalls ruhig und auf der Platte für die langen Autofahrten durch Dithmarschen: “Ásgeir”

Eine der schönsten Locations beim Festival ist übrigens die “Frijkirkjan”, eine kleine Kirche, direkt am See gelegen. Eine Band wie “Árstíðir” passt da sehr gut rein:

Bisschen rockiger war’s bei “Ourlives”. Ziemliche Pop-/Rock-Konserven-Musik. Live aber ganz nett und tatsächlich eine gute Erholung zwischen all den doch recht anstrengenden Elektrobands. Deswegen auch hier in der Liste:

Und noch was isländisches zum Schluss. Eine isländische Folk-Pop-Band (hier mit einem englischen Lied): “Útidúr” – nicht versuchen den Namen auszusprechen. Dabei haben schon Menschen ihre Zungen verschluckt. Die Einfachheit täuscht:

Während des Festivals wurde auch die “Nordicplaylist” vorgestellt. Wer also auf nordische Musik steht, der sollte da mal reinschauen: Jede Woche stellen Künstler ihre Neuentdeckungen vor: http://nordicplaylist.com/

Soweit ein kleiner Einblick – unter doch sehr speziellem und persönlichem Fokus – auf eins der schönsten Musikfestivals, die es gibt. Bei 220 Bands ist es natürlich schwierig, die kleinen Perlen zu finden. Aber gerade oben genannten Bands lassen sich auch hier in Deutschland noch wunderbar noch weiterhören.

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