Kopfüber in die Hölle und zurück

Zurück aus Kigoma, dem Westen von Tansania. Zurück von einer fünftägigen Reise einmal quer durchs Land, quer durch die Dürre an einen Postkartenstrand. Zurück nach einer Tour, an dessen Anfang die Malaria stand und an dessen Ende ich eines Teils meines Equipments beraubt wurde. Zurück in Dar es Salaam, wo alles so weiter geht – aber wo die Fotos zum Glück ein wenig die Strapazen wett machen. (Fotos folgen, sobald ich wieder Internetzugang habe)

Am Anfang stand der Plan, einmal quer durch Tansania, von Dar es Salaam am Indischen Ozean im Osten mit der Central Railway Line bis nach Kigoma am Tanganyika-See im Westen. Die Strecke wurde vor über einhundert Jahren von den Deutschen gebaut, doch davon merkt man heute nicht mehr viel. Fast die gleiche Strecke hat vor fast 150 Jahren auch der Entdecker und Missionar David Livingstone gemacht, nur dass er mit einer Karawane auf der alten Sklavenroute der Araber unterwegs war. Er wollte die Sklaverei am Tanganyika-See bekämpfen und wurde, nachdem er lange Zeit als verschollen galt, eben genau dort vom Journalisten Stanley mit den legendäre Worten: „Dr. Livingstone, I presume?“ gefunden. Wer hätte es sonst sein sollen, der da, von der Malaria und anderen Tropenkrankheiten gezeichnet, als einziger Weißer unter einem Mangobaum saß? Damals gab es die Eisenbahn schließlich noch nicht.

Ich wollte also eben jene Route nehmen und, um mich auf die Reise einzustimmen, legte mein Körper am Morgen der Abfahrt direkt mit Kopfschmerzen und anderen Nettigkeiten los. Um sicher zu gehen, und weil das in jedem Reiseführer steht, machte ich also in einer lokalen Klinik um die Ecke einen Malariatest für umgerechnet zwei Euro. Das Ergebnis: Zwar wenig, aber doch Malaria. Ich könnte getrost reisen. Klar, um sicher zu gehen aber doch schnell den gleichen Test für 82 Dollar in der internationalen Klinik gemacht, zwei Stunden vor Zugabfahrt. Ergebnis: Keine Malaria, nur eine Virusinfektion. In Gedenken an Livingstone kann man damit natürlich reisen.

Die Zugfahrt über 1225 Kilometer dauert in der Regel zwischen 36 und 40 Stunden. Nach 46 Stunden und zwei schlaflosen Nächten im vollgepackten Zug dann die Ankunft in Kigoma. Die Reise ist eine Safari im eigentlich Sinne, eine Reise eben. Man reist um des Reisens willen. Der Bus braucht etwa 14 Stunden, wenn er nicht verunglückt. Und das tun Busse hier in Tansania gerne mal. Auch mit Todesfolge. Neben mir nur ein einziger anderer Weißer im Zug, für viele Tansanier ist die Zugfahrt auch eine Abwechslung. Sie sind zum Studium in Dar es Salaam, haben dort Verwandte oder das Krankenhaus besucht. Oder einfach Dinge eingekauft, die man sonst nicht in ihren Heimatdörfern bekommt. Die Gleise führen nämlich durch absolutes Niemandsland – und sind eine Lebensader für die Menschen entlang der Strecke. Fast 70 Mal hält der Zug zwischendurch und in jedem kleinsten Kaff kann man die Spezialitäten der Region kaufen: Fleisch, Hühner, Salz, Stoffe, Honig… Zwei Mal die Woche ist für die Menschen entlang der Gleise daher Markttag, wenn der Zug kommt.

Ansonsten ist die Fahrt kein Vergnügen. Die Strecke ist mittlerweile ziemlich heruntergekommen, die Gleise haben Wellen, so dass der Zug fast die gesamte Fahrt über holpert und springt. An Schlaf ist kaum zu denken, das labbrige Essen des Speisewagens landet zusammen mit der Cola mehr auf Tisch und Hose als im Mund. Nachts muss man Fenster und Türen verbarrikadieren, da Diebe auf dem Zugdach unterwegs sind.

Dabei führt die Strecke selbst durch interessante Teile des Landes, durch die Savanne, durch riesige Affenbrotbaum-Wälder, vorbei am bienenzüchtenden Njamwezi-Volk, durch das Rift-Valley hinauf und wieder hinunter und schließlich zum Tanganyika-See, dem längsten und tiefsten See Afrikas. Fruchtbar ist es hier, alles voller Palmen. Nach den Strapazen der Reise – von der demnächst gesondert im Radio berichtet wird – habe ich mich gemäß Reiseführer am „schönsten Strand des Landes“ eingerichtet. Sechs Kilometer außerhalb von Kigoma. Mit dem Motorrad fahren wird querfeldein durch tiefen, roten Sand. Die kleine Ortschaft, die wir noch passieren, rangiert seitdem auf meiner Liste der Enden der Welt definitiv auf Platz 2 – hinter der syrisch-irakischen Grenze und dem Euphrat im Sandsturm, aber das war eine andere Geschichte. Kleine, gebückte und aus roter Erde gebrannte Häuschen, 50 Stück vielleicht unter Palmen, die mit der roten Erde verschmelzen. Dazwischen zwei mickrige Pfingstkirchen und zwei noch mickrigere Moscheen in Wellblechhütten. Die Missionare lieben diesen Ort anscheinend. Am Strand dann ein Zelt mit Bett, aber keinem Strom, dafür mit Petroleumlampe und riesigen Echsen, die sich des Zeltes schon bemächtigt haben. Die Nacht dementsprechend unruhig – aber mit wunderbarem Sternenhimmel. Vor dem Zelt laufen Affen über den Strand, ein Zebra grast zwischen den Sträuchern.

Kigoma selbst bietet nicht viel, Weiße gibt es hier aber mittlerweile genug. Die UN haben im Hafen einen Hauptumschlagplatz, auch für die vielen Flüchtlingslager in der Nähe, schließlich sind Kongo und Ruanda nicht weit entfernt. Und sie haben den Ort anscheinend versaut. Nirgendwo in Tansania wurde ich so unverfroren von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen angegangen: „Ey, mzungu, give me money!“ Man kann nun leider viel über Stereotype und Vorurteile streiten, in Kigoma bestätigen sie sich jedoch und mir kommen auch die (afrikanischen) Kritiker in den Sinn, die die Entwicklungshilfe für eine Afrika lähmende Maßnahme halten. Ein Rudel kleiner Kinder versucht sogar, mir meine Plastikwasserflasche zu klauen. Nicht etwa, weil sie das Wasser wollen, sondern die Flasche; die bringt ihnen ein paar Cent, wenn sie sie abgeben. Und Kinderhände können verdammt heftig zerren und ziehen. Vollkommen latent treten hier Unterschiede und Spannungen zwischen den Welten auf, um es vorsichtig zu formulieren. Vielleicht ist das auch nur der gerade hochkochende Pessimismus. Das Livingstone-Museum (ein Raum mit zwei Pappmaché-Figuren und einigen Gegenständen) besuche ich nicht. Als Ausländer soll ich etwa zehn Euro zahlen. Einheimische zahlen 25 Cent, Studenten nur 15 Cent. Ich sage, dass ich zwei Euro zahlen würde, was plötzlich in Ordnung scheint, will das Gebäude mit meinem Guide betreten und werde von einer Furie hinausgeworfen, die den kleinen „Deal“ mit meinem Guide anscheinend mitbekommen hatte. Er hatte sich das Geld in die eigene Tasche gesteckt.

In all dem versuche ich, irgendwie einen Weg zurück nach Dar es Salaam zu finden. Doch der Linienflug wurde eingestellt. Die Landebahn sei zu schlecht. Man wisse nicht, wann es wieder gehe. Ich lungere also am „Flughafen“ rum und bekomme tatsächlich für den nächsten Tag (Samstag) einen Flug mit einer kleinen Propellermaschine an den Lake Viktoria im Norden. Von dort dann nachts einen Weiterflug nach Dar es Salaam.

Das Gepäck muss ich aufgeben, meinen Trekkingrucksack. Viel haben wir in unserer kleinen WG in Dar die letzte Zeit darüber gestritten, dass alle diese Sicherheitshinweise, die man hört, dass man auf sich und sein Gepäck aufpassen müsse, übertrieben seien, nur die Vorurteile weiter schüren würden. Aber einige hier wurden bereits überfallen, bestohlen, einer sogar im Taxi „gekidnappt“ bis er genügend Geld mit seiner Kreditkarte abgehoben hatte. Ich packe also alles wertvolle, so weit möglich aus und an meinen Körper. Mikrofon, Objektiv und Audio-Recorder passten jedoch nicht mehr. Ich will den Rucksack einwickeln lassen (weil das sehr gut gegen spontane Diebstähle hilft), angeblich gibt es aber kein Cellophan mehr am Flughafen. Und klar, nach meiner Ankunft in Dar es Salaam checke ich den Rucksack und der Audio-Recorder ist verschwunden. Alles andere lag direkt daneben, ist aber noch da. Sogar den Windschutz haben sie abgenommen und dagelassen. Als ich der Sicherheitsbeamtin davon erzähle rügt sie mich, warum ich das überhaupt dabei gehabt hätte, verspricht aber, sich darum zu kümmern. Sonntag hätte sie frei. Am Montag würde sie mit jemandem am Flughafen in Mwanza reden. Ich gehe davon aus, dass ich nie wieder von Hilda hören werde… Zum Glück habe ich die Speicherkarten mit Fotos und Audios vorher herausgenommen. Der nächste Punkt auf der To-Do-Liste also: Einen Laden finden, in dem ich einen neuen Recorder bekomme; nützt ja nichts. Achso, und richtig essen. Und schlafen. Das wäre schön.

73 thoughts on “Kopfüber in die Hölle und zurück

  1. Pingback: Ricky
  2. Pingback: Franklin
  3. Pingback: Peter
  4. Pingback: micheal
  5. Pingback: Chester
  6. Pingback: homer
  7. Pingback: pedro
  8. Pingback: corey
  9. Pingback: ken
  10. Pingback: Ken
  11. Pingback: billy
  12. Pingback: mathew
  13. Pingback: sergio
  14. Pingback: doug
  15. Pingback: Ian
  16. Pingback: william
  17. Pingback: Howard
  18. Pingback: wendell
  19. Pingback: Brent
  20. Pingback: Allen
  21. Pingback: isaac
  22. Pingback: Alfred
  23. Pingback: Bob

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *