Recherchen organisieren: Die Masterfile

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Journalisten sind Informationsorganisatoren und -vernichter: Wenn eine Geschichte recherchiert ist wandern viele Informationen – gerade bei tagesaktuell arbeitenden Journalisten – häufig in den Papierkorb.  Dabei gibt es gute Gründe, seine Recherchen zu strukturieren und zu archivieren: Weil man später wieder wieder an einem Thema arbeiten muss; weil man schauen will, was aus einem Thema geworden ist und ob sich vielleicht ein Jahr später etwas verändert hat; weil sich ein Thema entwickelt; weil man bei langfristigen und / oder investigativen Recherchen einfach einen langen Atem braucht und vielleicht auch mal nur kurz “zwischendurch” an einer Geschichte weiterrecherchieren kann. Das gilt für investigative Reporter genauso wie für tagesaktuelle Lokalreporter.

Gute zwei Jahre durfte ich im Recherchepool des NDR in Kiel ziemlich abseits jeden Zeitdrucks arbeiten. Häufig habe ich 6 – 8 Recherchen parallel vorangetrieben, eben weil man manchmal Gesprächspartner nicht erreicht und man ein Thema schieben muss oder nicht weiterkommt oder weil ein anderes Thema sich plötzlich aktuell ergeben hat. Da war es wichtig, seine Recherchen zu strukturieren, um schnell wieder ins Thema zu kommen und immer den Überblick zu bewahren. Und auch, um Rechercheergebnisse zu sichern.

Bei einer Konferenz in Brüssel – der European Investigative Journalism Conference – bin ich in einem Workshop der beiden Recherchegrößen Luuk Sengers und Mark Lee Hunter gelandet und habe dort mehr über ihren Rechercheansatz des “Story Based Inquiry” gelernt, der – kurz gesagt – davon ausgeht, dass man zu Beginn einer Recherche eine Hypothese aufstellt und diese im Laufe der Recherche falsifiziert oder verifziert. Im Laufe des Workshops ist Mark Lee Hunter dann von einem Teilnehmer gefragt worden, wie er denn seine ganzen Materialien organisiere. Die Antwort war: In einer einfachen Word-Datei. Oben schreibe er seine Hypothese hin und dann schreibe er alle Rechercheergebnisse untereinander.

Von anderen Kollegen habe ich gehört, dass sie spezielle Schreibprogramme nutzen, die sich eigentlich an Schriftsteller richten und die ihre langfristigen Recherchen wie Bücher mit verschiedenen Szenen und Kapiteln planen. (u.a. nutzen sie entweder Papyrus oder Scrivener). Ich muss gestehen, dass ich mir die Programme nie intensiv angeschaut habe, weil sie größtenteils kostenpflichtig sind und ich ein Programm haben möchte, dass ich a.) kenne und b.) auf allen Plattformen und Rechnern dabei habe und auch überall (auch evtl. auf fremden Rechnern) auf meine Texte zugreifen möchte. Außerdem fand ich die Idee, alle Recherchen in einem Dokument zu vereinen, gar nicht so uncharmant. Früher habe ich bspw. für jedes geführte Interview ein eigenes Dokument gehabt, der Nachteil ist dabei, dass – wenn ich nicht mehr weiß, wer genau mir eine Information gegeben hat – ich sie nicht global in allen Dokumenten suchen kann.

Also habe ich angelehnt an den Workshop bei der EIJC eine entsprechende Word-Datei als Vorlage erstellt, die ich seit längerer Zeit für meine Recherchen nutze. Und damit meine ich so ziemlich für alle Recherchen, die mehr als drei Anrufe erfordern.

Bevor ich die einzelnen Segmente der Datei erkläre, möchte ich gerne noch drei Literaturhinweise loswerden: 1.) Storybased Inquiry habe ich bereits angesprochen. 2.) Das “Logan Handbook #1: The Hidden Scenario”, in dem Hunter und Sengers darüber sprechen, wie wichtig schon bei der Recherche der Gedanke in “Szenen” ist. Und 3.) Das “Logan Handbook #4: The Story Tells the Facts”, in dem es um die Herausarbeitung von Hypothesen und roten Fäden geht.

Jetzt aber zur “Masterfile Recherche”, die man hier herunterladen kann!

Damit man auch bei langfristigen Recherchen den Überblick behält, habe ich die einzelnen Segmente der Datei als “Überschriften” in Word markiert. D.h. man kann einfach – wenn man die “Navigationsansicht” aktiviert – zu den einzelnen Segmenten, bzw. Kapiteln in der Datei springen und muss sich nicht durch dutzende Seiten scrollen, wenn die Recherchen lang werden.

Es gibt folgende Kapitel:

  • Titel
  • Hypothese
  • Chronologie
  • Fakten
  • Offene Fragen
  • Szenen
  • Kontakte / Gesprächsprotokolle
  • Quellen

* An dieser Stelle möchte ich kurz darauf hinweisen, dass absolut vertrauliche Gespräche und / oder Kontakte natürlich nicht in so einer Datei lagern sollten. Aber die Datensicherheit und der Quellenschutz sind andere Themen.

Titel: Ist glaube ich eindeutig und braucht keine weiteren Erklärungen,

Hypothese: Weniger für nachrichtliche Themen, sondern wirklich eher für langfristige Erzähl- und / oder Investigativgeschichten. Die H. verändert sich im Verlauf der Recherche natürlich und wird dem aktuellen Sachstand angepasst. Sie hilft gerade bei komplexen Themen den Überblick zu behalten. Nach jeder neuen Informationen, jedem Dokument, jedem Gesprächspartner gehört die H. auf den Prüfstand gestellt. Wenn man später seine Geschichte schreibt (oder für’s Radio / Fernsehen / sonst ein Medium produziert) hilft die H. dabei, aus dem Wust von Informationen den Kern seiner Geschichte zu finden und sich darauf zu konzentrieren und nicht noch 30+x Nebenschauplätze aufzumachen.

Chronologie: Das Eintragen in die Tabelle hilft dabei, bei komplexen Sachverhalten genau zu wissen, was wann passiert ist. Wenn Interviewpartner erzählen geht es meist ja immer um Handlungen, die in der Vergangenheit lagen. Durch die C. behält man den Überblick und sieht so auch relativ schnell, wo Informationen fehlen, wo noch etwas unklar ist und wie genau sich ein Ereignis (stellenweise gibt es Ereignisse, die sich ja über Jahre ziehen, wie etwa Prozesse) abgespielt hat.

Fakten: Die wichtigsten Fakten trage ich hier noch einmal gesondert ein (auch wenn sie später noch einmal in Gesprächsprotokollen oder Dokumenten auftauchen). Dabei geht es darum, dass man sich einfach einen schnellen Überblick über die wichtigsten Fakten macht. Wer hat z.B. einen Vertrag unterschrieben? Wer hat den Verkauf getätigt? Welche Miliz kämpft gegen welche Miliz in Aleppo? Wer sind die Anführer? etc. Jeder Fakt ist mit einer Quelle (Q##) belegt. Jede Quelle wird am Ende eingetragen (s.u.) Ist ein Fakt später unklar, kann man so schnell sehen, woher die Info stammt und im Zweifelsfall noch einmal nachrecherchieren und kontrollieren. Außerdem kann man so auch zügig sein Dokument durchsuchen, um z.B. alle Informationen zu finden, die von Q## sind.

Offene Fragen: Der Fragenkatalog, gegliedert nach Themenbereichen und / oder Gesprächspartnern. Die Fragen können im Laufe der Recherche herausgelöscht werden, wenn sie beantwortet sind. So weiß man immer, was noch fehlt und was nicht und kann z.B. übersichtlich alle Fragen an Experten (“Wie funktioniert eigentlich so eine Maschine?”) untereinander schreiben.

Szenen: Allein dieses Kapitel bräuchte ein wenig mehr Erklärungsbedarf. In aller Kürze kann man so aber bei komplexen und auch bei Erzählgeschichten schon im Rechercheprozess überlegen, wie eine Geschichte am Ende laufen könnte. Gerade als ich noch für das Radio gearbeitet habe, habe ich viel in Szenen und Themenblöcken gearbeitet. Schon bei der Recherche überlege ich mir, welche Szenen ich eigentlich habe und ordne Informationen, Dokumente, Interviewpassagen schon den einzelnen Szenen zu. Das führt dazu, dass ich später beim Schreiben, v.a. wenn es schnell gehen muss, im Handumdrehen Szenenblöcke parat habe, die ich je nach Dramaturgie aneinander schiebe. Damit wird man in der Regel keinen Nannen-Preis gewinnen, aber häufig muss im Tagesgeschäft ja schnell gehen. Und wer noch Zeit hat zu feilen und sich eine komplexe Dramaturgie zu überlegen, dem werden vorher strukturierte Szenen sicherlich auch helfen. An einem Beispiel gesprochen kann man sich bei einer Geschichte über einen Mordprozess etwa vorstellen, dass es beispielsweise die Szene “Tat” gibt, dann noch das “Vorleben des Täters”, das “Vorleben des Opfers”, die Beziehung der Beiden, wie etwa “das erste Treffen”, etc.

Kontakte / Gesprächsprotokolle: Hier sammele ich im zunächst mal alle Gesprächspartner mit Kontaktdaten, die für eine Recherche wichtig sein könnten. Experten, die sich mit dem Thema auskennen, Anwälte, für die Geschichte wichtige Freunde / Bekannte von Hauptpersonen, uvm. So behalte ich auch den Überblick, wen ich schon gesprochen habe oder wen ich noch sprechen muss. Anschließend kann man bei den Gesprächen, sei es telefonisch oder live, seine Notizen direkt in die Datei einfügen (mit Datum und Uhrzeit jeweils, weil man manche Gesprächspartner ja auch häufiger spricht). Wichtige Informationen können dann anschließend entweder in die “Szenen” oder in die “Fakten” oder die “Chronologie” kommen. Die Gesprächsnotizen bleiben aber am Ende des Dokuments bestehen, dass man die Informationen nicht verliert, falls man später noch einmal Nachfragen hat, etwas nachrecherchieren muss oder man die Recherchen später mit einem anderen Dreh wieder aufnimmt.

Quellen: Jede Quelle ist einmalig. Jeder Gesprächspartner, jedes Dokument, jede Kopie, jedes Buch, jeder Link wird hier aufgeführt (Q##). Das schützt einen Journalisten einmal davor, dass er später nicht weiß, woher eine Information ist, zum anderen ist er später auch nicht angreifbar, wenn seine Recherchen in der Kritik stehen. Außerdem macht es das bei wirklich langfristigen Recherchen auch für den abnehmenden Redakteur einfacher, wenn er Fragen hat, woher eine Information stammt. Erneut: Bei heiklen Quellen, die einen gewissen Schutz bedürfen, kann man an dieser Stelle auch einfach ein “Anonym XYZ” einfügen, solange man sich selbst über die Identität der Quelle im Klaren ist.

Fußnoten: In den Fußnoten habe ich – abgekupfert von Mark Lee Hunter – noch drei Suchbefehle eingefügt. Wann immer man gerade beim ordnen der Rechercheergebnisse ist, kann man diese Befehle als Anmerkungen einfügen:

  • NOTX – Sind Anmerkungen / Notizen / Gedanken zu bestimmten Sachverhalten (z.B.: “Das ist extrem seltsam, weil Q03 gesagt hat, dass es so ist”). Dadurch vermischt man nicht Rechercheergebnisse mit eigenen Gedanken
  • QTN – Kleine offene Fragen zu bestimmten Sachverhalten (z.B. “Kann das wirklich stimmen? Wie war das Wetter in der Mordnacht?”)
  • DOX – Eine kleine Todo-Liste zu bestimmten Informationen (z.B.: “Info gegenchecken bei Q03).

Die Buchstabenkombinationen kommen so eigentlich in keinem normalen Wort vor. Mit der Suchfunktion von Word lassen sich also schnell alle Notizen, offenen Fragen und vor allem ToDo’s einfach und schnell finden.

Die Datei hilft nicht bei den Recherchen, aber dabei, seine Recherchen und Gedanken zu sortieren. Und es zeigt mal wieder: Journalismus ist Handwerk.

 

 

 

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